Das SĂ€chsische Mozartfest bietet keinesfalls nur einen Fokus auf die Wiener Klassik, also auf das spĂ€te 18. Jahrhundert. Es wagt auch einen Blick ĂŒber den Ă€sthetischen Tellerrand hinaus. Ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, dass der Jazzkomponist Stephan König nicht nur auf diesem Fest musizieren, sondern auch den Mozartpreis 2024 von der SĂ€chsischen Mozart-Gesellschaft) bekommen wĂŒrde.
Stephan König ist wohl nur eingeweihten Jazzenthusiasten ein Begriff. Als ich 2021 in einem groĂen Leipziger Notenladen unweit des Gewandhauses den Band 12 PrĂ©ludes. Jazzinspirierte Klangbilder entdeckte, war mir bewusst, dass sie fĂŒr mich, der ich in meinen Jugendjahren kaum mit dem Jazz in BerĂŒhrung kam, eine groĂe Herausforderung bieten wĂŒrden. Ohne meinen Lehrer Thomas Unger am Zwickauer Robert-Schumann-Konservatorium eine allzu schwere HĂŒrde. Die StĂŒcke sind durch eine ungeheure Klangvielfalt gekennzeichnet; zumindest klingen einzelne Takte immer wieder anders, je nach eigener Stimmung. Sie zeigen Königs Anspruch, Komposition und Improvisation miteinander zu verbinden, ebenso wie verschiedene Genres der Klaviermusik. Um puristischen Jazz handelt es sich also nicht.
Ein KlaviergesprĂ€ch wie Anfang Mai verbindet Musik und eine gewisse Neugier auf Hintergrundinformationen ĂŒber eine Komposition bzw. einen Komponisten. Die Halle der Villa Esche, am Rande des Chemnitzer Stadtzentrums, 1903 fĂŒr den Textilunternehmer Rudolf Esche fertiggestellt und nach mehrjĂ€hriger Renovierung  um die Jahrtausendwende als Veranstaltungs- und Tagungsort konzipiert, eignet sich hervorragend fĂŒr ein solches GesprĂ€ch, das eine AusprĂ€gung von Salonkultur ist.  Gut möglich, dass der Architekt Henry van de Velde auch schon an diese Möglichkeit gedacht hatte. Weniger intim als in einem beengten Wohnzimmerkonzert können die KlĂ€nge sich leicht in die oberen Etagen verflĂŒchtigen. FĂŒr Gesang und Instrumentalmusik ergeben sich hier sicher besondere akustische PhĂ€nomene.
Die MDR-Radiomoderatorin Julia Hemmerling leitete souverĂ€n und unterhaltsam das GesprĂ€ch. Die Fragen fĂŒhrten angenehm in ein Universum hinein, das eigentlich nicht in Worte zu fassen ist. Die Stimmung ist, wie wir wissen, vom GebĂ€ude abhĂ€ngig, und damit auch die Harmoniefolge: Die Villa-Esche sei fĂŒr den A-Dur-Dreiklang prĂ€destiniert, wenn man König Glauben schenkt. Faszinierend. Der Laie kann hier keine ErklĂ€rung verlangen, genauso wenig wie bei Farbstimmungen. Es gelten hier nicht die Gesetze der Logik, sondern allein die GefĂŒhle, die von Ort zu Ort unterschiedlich sind.  Â
Man kann jedoch das Ephemere der Musik begreifen, denn genauso schnell wie sie entsteht, verschwindet sie auch. Im Moment des Klangs gebe es laut König eine Spannung, die auch den âAspekt des Loslassensâ impliziert, also eine Entspannung.
Im zweiten GesprĂ€chsteil erzĂ€hlte Stephan König von seinem Studium an der Leipziger Hochschule fĂŒr Musik, wo er laut Homepage als âDiplom-Dirigent, Diplom-Pianist und Diplom-Komponistâ abschloss, und von seinem Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee kurz vor und wĂ€hrend der Wendezeit. WiderstĂ€nde gegen seine Art des Musizierens spĂŒrte er wĂ€hrend des Studiums, gerade weil er an der Hochschule öfters statt der vorgesehenen StĂŒcke improvisierte. Gerettet habe ihn in der Kaserne der Zugang zu einem Klavier in einem Dachzimmer, wohin er sich nachts geschlichen habe.
In seinen Improvisationen baute er an dem Abend jeweils einen der drei SĂ€tze des 23. Klavierkonzerts (in A-Dur) von W.A. Mozart ein. Ein kĂŒhnes Unterfangen, das mich an das Schumannfest 2023 erinnerte, auf dem Johanna Summer wĂ€hrend ihres Solo-Konzerts Kompositionen von Robert Schumann in ihr Werk einflochte.
Im Programmheft ist die Rede davon, dass Stephan Königs Klangwelten einen âPerspektivwechsel des Hörens, somit des Denkens und Empfindensâ ermöglicht. Im Moment des Live-Erlebnisses wird diese eher plakative Formulierung plastisch. Sicherlich werde ich im Laufe des Jahres einen weiteren Ort mit neuen König-Momenten aufsuchen. Und dann werde ich auch wieder anders hören, denken und empfinden. Und womöglich etwas besser improvisieren könnenâŠ.
Drei PrĂ©ludes von Stephan König können auf seiner Homepage angehört werden. Die Einspielung kann im Online-Musikalienhandel erworben werden, die dazugehörigen Noten ĂŒber stretta-music.





