Im Schleudergang

Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-PfĂŒtze

„Ich – König“  – Zu einem besonderen KlaviergesprĂ€ch

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Das SĂ€chsische Mozartfest bietet keinesfalls nur einen Fokus auf die Wiener Klassik, also auf das spĂ€te 18. Jahrhundert. Es wagt auch einen Blick ĂŒber den Ă€sthetischen Tellerrand hinaus. Ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, dass der Jazzkomponist Stephan König nicht nur auf diesem Fest musizieren, sondern auch den Mozartpreis 2024 von der SĂ€chsischen Mozart-Gesellschaft) bekommen wĂŒrde.

Stephan König ist wohl nur eingeweihten Jazzenthusiasten ein Begriff. Als ich 2021 in einem großen Leipziger Notenladen unweit des Gewandhauses den Band 12 PrĂ©ludes. Jazzinspirierte Klangbilder entdeckte, war mir bewusst, dass sie fĂŒr mich, der ich in meinen Jugendjahren kaum mit dem Jazz in BerĂŒhrung kam, eine große Herausforderung bieten wĂŒrden. Ohne meinen Lehrer Thomas Unger am Zwickauer Robert-Schumann-Konservatorium eine allzu schwere HĂŒrde. Die StĂŒcke sind durch eine ungeheure Klangvielfalt gekennzeichnet; zumindest klingen einzelne Takte immer wieder anders, je nach eigener Stimmung. Sie zeigen Königs Anspruch, Komposition und Improvisation miteinander zu verbinden, ebenso wie verschiedene Genres der Klaviermusik. Um puristischen Jazz handelt es sich also nicht.

Ein KlaviergesprĂ€ch wie Anfang Mai verbindet Musik und eine gewisse Neugier auf Hintergrundinformationen ĂŒber eine Komposition bzw. einen Komponisten.  Die Halle der Villa Esche, am Rande des Chemnitzer Stadtzentrums, 1903 fĂŒr den Textilunternehmer Rudolf Esche fertiggestellt und nach mehrjĂ€hriger Renovierung  um die Jahrtausendwende als Veranstaltungs- und Tagungsort konzipiert, eignet sich hervorragend fĂŒr ein solches GesprĂ€ch, das eine AusprĂ€gung von Salonkultur ist.  Gut möglich, dass der Architekt Henry van de Velde auch schon an diese Möglichkeit gedacht hatte. Weniger intim als in einem beengten Wohnzimmerkonzert können die KlĂ€nge sich leicht in die oberen Etagen verflĂŒchtigen. FĂŒr Gesang und Instrumentalmusik ergeben sich hier sicher besondere akustische PhĂ€nomene.

Die MDR-Radiomoderatorin Julia Hemmerling leitete souverĂ€n und unterhaltsam das GesprĂ€ch. Die Fragen fĂŒhrten angenehm in ein Universum hinein, das eigentlich nicht in Worte zu fassen ist. Die Stimmung ist, wie wir wissen, vom GebĂ€ude abhĂ€ngig, und damit auch die Harmoniefolge: Die Villa-Esche sei fĂŒr den A-Dur-Dreiklang prĂ€destiniert, wenn man König Glauben schenkt. Faszinierend. Der Laie kann hier keine ErklĂ€rung verlangen, genauso wenig wie bei Farbstimmungen. Es gelten hier nicht die Gesetze der Logik, sondern allein die GefĂŒhle, die von Ort zu Ort unterschiedlich sind.   

Man kann jedoch das Ephemere der Musik begreifen, denn genauso schnell wie sie entsteht, verschwindet sie auch. Im Moment des Klangs gebe es laut König eine Spannung, die auch den „Aspekt des Loslassens“ impliziert, also eine Entspannung.

Im zweiten GesprĂ€chsteil erzĂ€hlte Stephan König von seinem Studium an der Leipziger Hochschule fĂŒr Musik, wo er laut Homepage als „Diplom-Dirigent, Diplom-Pianist und Diplom-Komponist“ abschloss, und von seinem Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee kurz vor und wĂ€hrend der Wendezeit. WiderstĂ€nde gegen seine Art des Musizierens spĂŒrte er wĂ€hrend des Studiums, gerade weil er an der Hochschule öfters statt der vorgesehenen StĂŒcke improvisierte. Gerettet habe ihn in der Kaserne der Zugang zu einem Klavier in einem Dachzimmer, wohin er sich nachts geschlichen habe.

In seinen Improvisationen baute er an dem Abend jeweils einen der drei SĂ€tze des 23. Klavierkonzerts (in A-Dur) von W.A. Mozart ein. Ein kĂŒhnes Unterfangen, das mich an das Schumannfest 2023 erinnerte, auf dem Johanna Summer wĂ€hrend ihres Solo-Konzerts Kompositionen von Robert Schumann in ihr Werk einflochte.

Im Programmheft ist die Rede davon, dass Stephan Königs Klangwelten einen  â€žPerspektivwechsel des Hörens, somit des Denkens und Empfindens“ ermöglicht. Im Moment des Live-Erlebnisses wird diese eher plakative Formulierung plastisch. Sicherlich werde ich im Laufe des Jahres einen weiteren Ort mit neuen König-Momenten aufsuchen. Und dann werde ich auch wieder anders hören, denken und empfinden. Und womöglich etwas besser improvisieren können
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Drei PrĂ©ludes von Stephan König können auf seiner Homepage angehört werden. Die Einspielung kann im Online-Musikalienhandel erworben werden, die dazugehörigen Noten ĂŒber stretta-music.

Standortwechsel: Gedanken zu einem Möbeltransfer

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Es war der 20. Juni 2018, als ich in Schlettau im Erzgebirge auf dem allerletzten Meter gegen ein Regendach prallte. Und dann noch mit einem geliehenen Kastenwagen, der fĂŒr den zu transportierenden Inhalt, ein Korbsofa sowie ein Korbstuhl mitsamt einem kleinen runden Korbtisch (und einer Glasplatte als Auflage) viel zu groß geraten war. Der Schaden war grĂ¶ĂŸer als der Kaufwert, so dass meine Laune an jenem Tag trotz der hochwertigen, gebrauchten Möbel bescheiden war. In Anbetracht der Kostenbeteiligung wurde ich durch mein nervöses Auftreten gegenĂŒber den PrivatverkĂ€ufern als Fremdling gehalten, zumindest nicht als deutscher StaatsbĂŒrger. Erst der Schaden am Fahrzeug, dann die Zitterpartie, als sich die Frage stellte,  ob das Korbsofa ĂŒber einen  Flaschenzug heil aus dem dritten Stock nach unten befördert werden wĂŒrde. Hochspannung pur! In dem Augenblick bewunderte ich das Ă€ltere Ehepaar fĂŒr ihr Vermögen, eine so eine waghalsige Transportanlage aus dem Stand einzurichten. Und dann wĂ€hnte ich mich noch unsicher, ob das Sofa auch noch durch meine WohnungstĂŒr passen wĂŒrde. Es passte zum GlĂŒck!

Korbmobiliar in Schlettau
Korbsofa-Seilzug im Juni 2018 in Schlettau

Fast sechs Jahre bereicherte mein Zwickauer Wohnzimmer diese Möbelkombination, bevor ich sie letzten Februar wegen eines neuerlichen Umzugs nach Chemnitz aus den HĂ€nden gab. Auch dieses Mal war das Heraushieven aus der Wohnung kein Kinderspiel (wie zu erwarten war!), doch lief die Verladung auf einen Pritschenwagen umso einfacher. Der kurze Frischlufttransfer zum Haus Abendfrieden, einem Seniorenheim der Diakonie in Werdau, war wiederum etwas Besonderes. Schließlich – und das ist mich die schönste Entdeckung – ist der neue und vielleicht letzte Standort dieses Möbel-Trios eine CafĂ©-Ecke, in der rĂ€umlich und farblich kaum andere Sitzobjekte stimmiger sein könnten.

Korbmobiliar in Werdau
Seit Februar 2024 steht das Korbmobiliar im Haus Abendfrieden in Werdau

Ende April traf ich mich mit der Einrichtungsleiterin Dorothea Floß. Sie zeigte mir die weitrĂ€umige Anlage, in der viele Orte zum Verweilen einladen. Das nasskalte Wetter war wie geschaffen, anschließend drinnen in der besagten CafĂ©-Ecke bei einem Kaffee ein ausfĂŒhrliches GesprĂ€ch zu fĂŒhren, um den Ort zu wĂŒrdigen. Genau das ist ja der Zweck der Korbmöbel. Sie eignen sich nicht besonders gut zum Fernsehen und auch nicht zum Schlafen. Sie dienen der Unterhaltung und fĂŒllen erst dann ihre Funktion optimal aus, wenn mindestens zwei Personen am Korbtisch Platz nehmen. Ohne den Stuhl wĂ€re der Raum weniger schön ausgefĂŒllt, doch gerade weil ein Runder Tisch eben Sitzmöbel auf der gegenĂŒberliegenden Seite wĂŒnschenswert erscheinen lĂ€sst. Diese Geschmackssache ist natĂŒrlich wiederum raumabhĂ€ngig
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Wenn so viel in unserer Zeit ĂŒber Nachhaltigkeit gesprochen wird, dann jedoch weniger zur sozialen Komponente. Mir scheint, dass das Korbmobiliar genau diese Komponente berĂŒcksichtigt: Der geldlose Transfer sorgt fĂŒr keinen ökonomischen Mehrwert, wohl aber fĂŒr eine Wertsteigerung im sozialen Bereich. Sitzmobiliar ist nur dann sinnvoll, wenn es nicht nur RaumfĂŒller sind.  Ich habe den wunderbaren Eindruck gewonnen, dass nicht nur Ă€sthetisch der Ort zum Objekt passt, sondern auch sozial: Wenn angeblich diesen MöbelstĂŒcken ein UrlaubsgefĂŒhl und gleichzeitig ein Zuhause-GefĂŒhl anheimgestellt wird, wie Frau Floß zu berichten wusste, dann erfĂŒllen sie Raum und Zweck vollkommen!

Vielen Dank an Michaela Rusch fĂŒr den Tipp, die Diakonie Westsachsen wegen des Mobiliars zu kontaktieren, und natĂŒrlich fĂŒr Dorothea Floß fĂŒr die FĂŒhrung ĂŒber das Diakonie-GelĂ€nde und das tiefsinnige GesprĂ€ch am neuen Möbel-Standort. Es wird in guter Erinnerung bleiben!

Auf dem richtigen Weg? Über das Umherschweifen

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Waldwege können KĂŒnstler und nicht nur Wanderer herausfordern. Das beste Beispiel dafĂŒr ist das GemĂ€lde „Waldweg“ (1874 – 1877) von Pierre-Auguste Renoir, das ich im Januar 2023 im Potsdamer Barberini-Museum lĂ€nger betrachtete. Es lĂ€sst sich ĂŒber den angegebenen Link auch mit der Lupenfunktion (ĂŒber das Plus-Zeichen) in sehr guter Auflösung betrachten. Auf der Museums-Homepage liest man ĂŒber das Werk Folgendes:

Wie in vielen GemĂ€lden der Impressionisten gewĂ€hrt auch hier der Waldweg nicht nur rĂ€umlichen Eintritt in die Komposition. Vielmehr lĂ€dt er auch sinnbildlich zur Kontemplation eines Sommertags in freier Natur ein. Die in die Landschaft eingebettete Gestalt des jungen SpaziergĂ€ngers dient als metaphorische Identifikationsfigur fĂŒr den Betrachter – ein typisches Vorgehen fĂŒr die Impressionisten, die in ihren Landschaftsdarstellungen stets auf eine sinnlich-körperliche Rezeption abzielten.

Wie sicher das Betrachterauge doch den Weg und den SpaziergĂ€nger inmitten der Natur findet. Die Blickachse ist identisch mit der Wegachse, die senkrecht verlĂ€uft, so wie wir auch in der Natur Wege ausmachen. Ein gutes Beispiel dafĂŒr ist eine Waldszene, die ich in der NĂ€he von Glauchau im November 2022 aufnahm:

Farbenfroher Waldweg
Waldweg bei Glauchau, im November 2022

Auch hier weiß man recht schnell, wo es lang geht, wenngleich der Weg durch Laub und einem Hauch von Schnee schwerer als sonst auszumachen ist. Statt einem sommerlichen Lichteinfall scheint sich die dezente Herbstsonne hinter den BĂ€umen zu verstecken. Und doch ist hier eine Magie des Lichts spĂŒrbar.

Die vom Barberini-Museum zur VerfĂŒgung gestellte Bildbesprechung spricht von der „Auflösung der Formen“ bei Renoir, die fĂŒr den Impressionismus typisch ist. Das Eintauchen in den Wald wird umso einfacher: Man kann als Betrachter gar nicht erst auf die Idee kommen, die Elemente des Walds isoliert zu betrachten. Das Verschmelzen der Farben gleicht einem Sinnesrausch, so dass die Betrachtung genauso sinnlich wirken kann wie ein leibhaftig erlebter Waldweg.

Auf meinem Glauchauer Waldspaziergang begeisterte mich die Verschmelzung von Herbst und Winter. Auf dem Foto lĂ€sst sich schön erkennen, dass das Noch-GrĂŒn mancher BĂ€ume im Kontrast zum Bereits-Weiß des von Laub bedeckten Waldbodens steht. Es ist also kein typisches jahreszeitliches Bild.

Jeder Weg ließe sich einem bestimmten Typus zuordnen. Als Kind legte ich bereits großen Wert darauf, einen Schleichweg und eben keinen breiten Forstweg zu nehmen. Renoirs GemĂ€lde hĂ€tte auch weniger Reiz, wĂ€re der Waldweg allzu breit. Wenn ich im Berliner Raum den merkwĂŒrdigen Straßennamen Gestell lese, dann denke ich an eine monotone Wegeform, die Forstzwecken diente. Schnurgerade natĂŒrlich, mit 90-Grad-Wegekreuzungen. Die Schneise namens Adlergestell ist im deutsch-deutschen Grenzverkehr wohl vom und zum DDR-Flughafen Berlin-Schönefeld von grĂ¶ĂŸerer Bedeutung gewesen, glaubt man der Berliner Morgenpost. In Preußen diente der Adler ĂŒberdies als Orientierungszeichen, speziell fĂŒr den König Friedrich Wilhelm I, als er sĂŒdostwĂ€rts zu seinem Jagdschloss in Königs Wusterhausen mit seiner Entourage ritt.

Im Zeitalter digitaler Navigationsmöglichkeiten verfahren sich die Wenigsten, die sich leiten lassen wollen. Auch Wander-Apps verhindern meist zuverlĂ€ssig das Verlaufen. Poetisch heißt es in Leona Stahlmanns Roman Diese ganzen belanglosen Wunder: „Sich einen Weg machen. Wege sind ein gegenseitiger Gewöhnungseffekt. Man selbst gewöhnt sich an eine Landschaft; und die Landschaft gewöhnt sich an den, der durch sie hindurchgeht.“ Denkt man an gestaltete Orte und RĂ€ume, dann prĂ€gt der VorĂŒberziehende die Umgebung. So wie bei Renoir Landschaft mitsamt dem Weg und den Wandernden verfließt, so sind Wege als Spuren letztlich die Spuren, die wir hinterlassen. Digitale Spuren lassen sich gut verfolgen, analoge Spuren nicht. Umso wichtiger, sich zu vergegenwĂ€rtigen, dass jeder Weg auch ein Teil der Landschaft ist und diese nur so ĂŒberhaupt erschlossen werden kann. Je mehr Wege, desto mehr Perspektiven!

Wenn eine Dialektperle eine Perlbohne benennt: Über ein klitzekleines Wortgeschöpf

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Es kommt nicht hĂ€ufig vor, dass im Deutschen Bundestag ein Wort verwendet wird, das aufgrund seines dialektalen Charakters einer Übersetzung bedarf. Ende November 2023 war dies der Fall: Der FDP-Abgeordnete Stephan Seiter brachte eine schwĂ€bische Kostprobe in den Berliner Plenarsaal ein. Im Kontext einer eher drögen Debatte zur Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes wirkte diese inklusive der Übersetzung so ĂŒberraschend platziert, dass ich als Zuschauer aufhorchte und sogleich ins Protokoll schaute. Darin ist folgendes festgehalten:  

Genau das ist der Punkt, an dem wir ansetzen mĂŒssen, und darĂŒber mĂŒssen wir diskutieren. Es ist doch besser, wir diskutieren darĂŒber – auf SchwĂ€bisch gesagt; das muss ich jetzt einfach sagen – a Muggaseggele lĂ€nger, also ein klein wenig lĂ€nger, als im Nachhinein wieder Flickschusterei betreiben zu mĂŒssen. Denn das hat das Wissenschaftszeitvertragsgesetz in der Vergangenheit schon erfahren, und das hat den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nichts genutzt. Deswegen nehmen wir uns diese Zeit. Wir klĂ€ren diese Punkte.

Laut einem schwĂ€bischstĂ€mmigen Freund bedeutet  â€šmuggaseggele’ eine „Kleinigkeit“ bzw. eine „Petitesse“. Nach dem Protokoll zu urteilen kann man es auch adverbiell fĂŒr eine PrĂ€zisierung eines weiteren Adverbs, in diesem Fall „lĂ€nger“ verwenden.

Klare Sache: Außerhalb von Schwaben wird man das Wort kaum kennen können: Drei von mir befragte GesprĂ€chsteilnehmer aus meiner Familie konnten damit nichts anfangen, doch der Klang des Wortes kann nur erheiternd wirken!

Laut der Duden-Redaktion ist das Wort muggaseggele als â€šSchwabens kleinste Einheit’ im Gebrauch und soll im Duden Aufnahme finden! Dabei erfĂ€hrt der Leser Folgendes: „Das Muggaseggele bezieht sich auf das Geschlechtsorgan der mĂ€nnlichen Stubenfliege, die im schwĂ€bischen Dialekt als Mugg bezeichnet wird.“

Schließlich fand ich bei einer kurzen Internet-Recherche heraus, dass die Firma Explorer Coffee GmbH edlen Kaffee unter der wohlklingenden Bezeichnung muggaseggele Perlbohne vermarktet. Da konnte ich nicht widerstehen und bestellte online. Ich bin schon sehr auf das Geschmackserlebnis gespannt!

Gut möglich, dass ich als Nicht-Schwabe bei diesem Produkt ein Ausreißer-Kunde bin, der bewusst aus Spaß an der Produktbezeichnung zugeschlagen hat. Und dann auch noch die anschließende Bezeichnung Perlbohnen…Ein Tchibo-Wiki klĂ€rt ĂŒber deren Besonderheiten auf: Mild im Geschmack, rundlich in der Form, so könnte man sie kurz umreißen.

Prof. Dr. Stephan Seiter, der ĂŒbrigens eine VWL-Professur an der European Business School in Reutlingen innehat, bescherte mir jedenfalls mit der Dialektperle eine Freude. Es sei erwĂ€hnt, dass sein Redebeitrag sehr sachlich und ausgewogen formuliert ist. Die AbwĂ€gung bei befristeten akademischen TĂ€tigkeiten besteht allgemein darin, dass einerseits genĂŒgend Qualifikationsmöglichkeiten fĂŒr Wissenschaftler, andererseits auch eine ĂŒberdurchschnittliche Fluktuation ermöglicht werden soll. Je mehr Stellen unbefristet sind, desto weniger einfach sind akademische Jobs fĂŒr den wissenschaftlichen Nachwuchs zu besetzen. Doch oft sind „Mittel Dritter“, wie es in § 2 Absatz 2 des Gesetzes heißt, ein Grund fĂŒr eine Befristung, die grundsĂ€tzlich so lange gilt, bis Eigenmittel gefunden werden oder die Drittmittel nicht mehr fließen. Es kann also sein, dass eine Stelle aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen trotz Bedarf auslĂ€uft. Von Fluktuation kann hier keine Rede sein.

Ein wesentlicher Punkt der Gesetzesnovellierung, die sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag 2021 festgeschrieben hat, seien Mindestvertragslaufzeiten bei einer Befristung. Noch mĂŒssen Details dazu diskutiert werden, wobei die Wichtigkeit der Diskussion von Prof. Seiter hervorgehoben wird, um nicht spĂ€ter von einer unausgereiften GesetzesĂ€nderung sprechen zu mĂŒssen. Ich bin gespannt, ob sich die Diskussionen gelohnt haben werden. Das Thema „Befristungsquoten“ in der Wissenschaft, das gesetzlich nicht geregelt ist, kam auch zur Sprache. Hier ist die Faktenlage ernĂŒchternd: Im Jahr 2020 waren mehr als 60% promovierte und mehr als 90% nicht-promovierte Wissenschaftler befristet beschĂ€ftigt. Abwarten und Tee, nein Perlbohnen-Kaffee trinken, um zu erfahren, ob die Befristungsquoten in der Zukunft gesenkt werden können!

Die Rede von Prof. Seiter am 29.11.23 kann in einem Video noch mal angeschaut werden.

Alles nur ein Abklatsch?! Über eine besondere Verfahrenstechnik

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Ein Streifzug durch ein Museum verspricht Überraschendes. Etwas, das dem Besucher sonst verborgen bliebe. Und es kann sogar sein, dass das Werk erst durch den Werktitel nĂ€here Aufmerksamkeit erhĂ€lt.

So gesehen bzw. geschehen Ende Oktober 2023. Die Sammlung Scharf-Gerstenberg unweit von Schloss  Charlottenburg in Berlin ist fĂŒr Surrealismus-Fans eine Schatztruhe voller Zauber, ohne den diese Kunstströmung weniger reizvoll wĂ€re.

Und nun das Zauberwort: DecalcomanĂ­a! Der mir zuvor unbekannte KĂŒnstler Oscar Dominguez (1906-1957) schuf sie 1935. Auf Deutsch wird die verwendete Technik nicht weniger reizvoll: „Gouache im Abklatschverfahren.“ Im Spanischen wird etwas Wahnsinniges denkbar, denn das Lexem manĂ­a bedeutet allein Manie bzw. Wahn. Also wird dabei etwas VerrĂŒcktes evoziert.  Das Wortteil „Decalco“ lĂ€sst mich abschweifen und mich fĂ€lschlicherweise ans Entkalken denken, das ohne chemische Reaktion(en) nicht denk- und ausfĂŒhrbar wĂ€re.

Manuela Bethke hat mir dankenswerterweise einen Bestandskatalog-Eintrag der Sammlung Scharf-Gerstenberg zukommen lassen. Darin heißt es zutreffend:

Fantastische Welten eröffnet „DecalcomanĂ­a“. Submarine oder kosmische Landschaften entstehen, organische und tote Formen, Gesteine und Korallen scheinen sich abzuwechseln. Der Vorstellung des Betrachters sind keine Grenzen gesetzt, durch das Hineinsehen entstehen immer neue Bilder.

Es lohnt sich also ein nĂ€herer Blick auf das Werk, gerade mit einer digitalen Lupe, auf der sehr guten Internet-Seite bildindex.de, die sich als Verbunddatenbank bezeichnet. Gerade in der VergrĂ¶ĂŸerung (unten links ansteuerbar) wird schön sichtbar, wie sich eine fiktive Landschaft herausbildet. Man könnte an Riffe inmitten eines unĂŒbersichtlichen Systems von WasserlĂ€ufen denken, so dass als Höhen und Tiefen interpretierte Konturen DreidimensionalitĂ€t schaffen. Im unteren Bilddrittel zerfĂ€llt jedoch diese Struktur, so dass Analogien, die aus physisch erlebbaren Topographien erzeugt werden, nur bedingt aufrecht erhalten werden können. FĂŒr den Betrachter ist das Abgebildete nur schwer begreifbar, gleichsam wie in einer Tropfsteinhöhle, wo Kalkabbauprozesse auch eine kaum erfassbare Landschaft im Erdinnern formen. So passt der nicht ĂŒbersetzte Titel DecalcomanĂ­a auch so gut. Noch einmal sei daran erinnert, dass im französischen Original „dĂ©calcomanie“, aus dem das spanische „decalcomanĂ­a“ abgeleitet ist, keinesfalls Kalk eine Rolle spielt. „Calque“ bedeutet im Französischen eine Ebene bzw. eine Schicht und auch eine Nachbildung, was ja im konventionellen, negativ konnotierten Sinn ein Abklatsch ist; in der Sprachwissenschaft bezeichnet es auch ein Lehnwort, so dass hier auch ein Transfer (von einer zur anderen Sprache) eine Rolle spielt.  Ein „papier calque“ ist ein Pergament- oder Pauspapier, womit hier das Material und das Verfahren im Zusammenhang mit einer Bastelarbeit durchscheint, die natĂŒrlich auch kĂŒnstlerisch wertvoll sein kann. Eine Nachbildung ist also hier ein Abklatsch im schöpferischen, also kreativen Sinn!

DomĂ­nguez beschĂ€ftigte sich in den 1930er Jahren intensiv mit klassischen Abklatschverfahren, bevor Max Ernst diese Technik in andere integrierte. Ein Abklatsch hingegen ist auch in der Standardsprache ein PhĂ€nomen, das ja von der Kunsttechnik herrĂŒhren muss, jedoch mit dem Zauberhaften wenig bis gar nichts gemeinsam hat: Eine „(schlechte) Nachbildung eines Originals“, wie es im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache heißt, hat oft einen negativen Beigeschmack, was wiederum durch das Verb „klatschen“ fĂŒr „schallend schlagen“ aufgewertet und durch das Substantiv „Klatsch“ in Verbindung mit Tratsch wiederum negativ verdreht wird. In der Wortgeschichte wurde der Klatsch (heute eher als Kaffeeklatsch verwendet) als Gerede spĂ€testens im 18. Jahrhundert salonfĂ€hig.

Im Katalog las ich außerdem von einem „Abziehbild“ als Ergebnis des Abklatschverfahrens, was auch in der Drucktechnik als Probedruck eine wichtige Funktion hat, ohne dass hier surrealistisches Gedankengut mit im Spiel wĂ€re. Da ein Probedruck frĂŒher unvollkommen war, weil er ohne die Druckerpresse, sondern nur durch BĂŒrstenschlĂ€ge erzeugt wurde, kann dem Abklatsch in der herkömmlichen Tradierung kein Zauber innewohnen.

Im Grunde ist das unplanbare Ergebnis ohne eindeutiges Motiv der Kern des Zauberhaften, weil diese Wirklichkeiten unbestimmbar und unbeherrschbar scheinen. Und das wirkt förmlich sehr real!

Wenige Informationen ĂŒber den spanischen Surrealisten Óscar DomĂ­nguez sind online verfĂŒgbar. Immerhin hat eine Londoner Galerie eine Kurzbiografie angelegt, in der auch auch das Zauberwort decalcomanĂ­a vorkommt.

Alles Banane!? – Zu AleĆĄ Ć tegers Roman „Neverend“

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Die LektĂŒre eines E-Books hat einen großen Vorteil: Die HĂ€ufigkeit jedes einzelnen Wortes lĂ€sst sich genau mit der Suchfunktion ermitteln. 117mal kommt das Wort „Banane“ im Roman Neverend des slowenischen Schriftstellers AleĆĄ Ć teger vor. Es verknĂŒpft kunstvoll drei ErzĂ€hlwelten: die persönliche, die soziopolitische und die historiografische Textwelt.

Die tagebuchfĂŒhrende ErzĂ€hlerin – der Roman ist auf vier Monate in einer nicht nĂ€her bestimmten Zukunft angelegt – kommentiert die Wahl und die Machenschaften des Politikers Platano in Slowenien, der mit seinem sprechenden Namen eine Banane verkörpert (auf Spanisch ist die Banane ein „plĂĄtano“). Zum anderen arbeitet sie an einem Romanprojekt, in dem der Naturforscher Giovanni Antonio Scopoli (1723-1788) zusammen mit seinem Korrespondenzpartner Carl von LinnĂ© eine wichtige Rolle spielt. Zentral fĂŒr die KohĂ€renz von Neverend ist die Szene, als Scopoli vor einem als Paradiesbaum bezeichneten Bananenbaum (lat.:  Musa paradisiaca bzw. Musa sapientum) in einem zerstörten GewĂ€chshaus des niederlĂ€ndischen Pflanzensammlers George Clifford auf dessen Gut Hartekamp steht und davor zurĂŒckschreckt, in dieser verwĂŒsteten Szenerie den Baum weiter zu untersuchen.  Sinnbildlich steht diese Szene fĂŒr das Unabgeschlosse, das sich im Romantitel wiederfindet.

Auf einer dritten Ebene erhĂ€lt die Tagebuchschreiberin kurze ErzĂ€hlungen von drei GefĂ€ngnisinsassen, die sie in ihrem Job als Anleiterin zum kreativen Schreiben betreut. Diese Texte beziehen sich auf das reale Kriegsgeschehen im Ex-Jugoslawien. Sie verarbeiten poetisch die feindseligen Handlungen, die Tod und Vernichtung mit sich brachten. Auf einer vierten Ebene kommt im Tagebuch genregemĂ€ĂŸ auch die intime GefĂŒhlswelt der ErzĂ€hlerin vor, so dass das Geschriebene keine Trennung von Fiktivem und wahrhaft Erlebtem kennt.

Das Cover des Romans stellt zwei Bananen in den Mittelpunkt. In einem zu kleinen BehĂ€ltnis sind sie auf einen Nagel gespießt, so dass man an eine lĂ€cherliche Art der Aufbewahrung denken könnte:

Neverend
Cover des Romans Neverend von Aleơ Ơteger, erschienen in der Übersetzung 2022 im Wallstein Verlag (Das Original erschien bereits 2017.)

Die Bananen stehen im Text aufgrund fĂŒr einen Handelskrieg zwischen der EU und dem Rest der Welt und zugleich fĂŒr einen hohen Wert, ohne dass sie per se ĂŒbermĂ€ĂŸig werthaltig wĂ€ren: Der erste Tagebucheintrag vom 02.09. enthĂ€lt bereits erlĂ€uternde Gedanken:

Kafka bringt Bananen mit. Keine Ahnung, woher er sie hat. Vor zwei Monaten sind sie aus den Regalen der SupermĂ€rkte verschwunden. [
] Weniger wichtig dabei ist, dass Bananen und zahlreiche andere Artikel zu Objekten des Begehrens geworden sind, deren Wert auf dem Schwarzmarkt schwindelerregend gestiegen ist. Viel wichtiger dagegen ist das BestĂ€rken des unsichtbaren GefĂŒhls, dass jeder von uns in die Geiselrolle eines grĂ¶ĂŸeren Systems versetzt wird. Wie eine Seifenblase zerplatzt so nebenbei die angebliche persönliche Freiheit.

Eine Geisel ist ja eine Person, die in Unfreiheit lebt. Es ist eine Art gefĂŒhlte Gefangenschaft, aus der man in der Wirklichkeit nicht entkommen kann.

Kafka ist Literaturlehrer und zugleich Geliebter der Ich-ErzĂ€hlerin. Die namentliche Anspielung an den großen Schriftsteller steht auch fĂŒr die AbsurditĂ€t der Ă€ußeren VerhĂ€ltnisse, in denen Schreibprozesse im Roman stattfinden.

Im Roman wird die Frucht der Bananen in einen Sinnzusammenhang gebracht, in dem das etablierte Wort Bananenrepublik fĂŒr einen autoritĂ€ren, korrupten Staat nur unzureichend hineinpasst. Vielmehr ist das Populistische, Unreflektierte, das allein auf Emotionen setzt, entscheidend:

„Über Nacht wurden Bananen zum Synonym aller Unzufriedenheit, sie sind die Metapher fĂŒr alles, was die Menschen vermissen.“ Der gewĂ€hlte PrĂ€sident Platano „verspricht das Ende der Versprechungen, es soll nur noch Taten geben“,  unter anderem auch wieder die Bananenbeschaffung.

Wie kann man diese AbsurditĂ€t, die gewiss zusammen mit dem Handlungsort GefĂ€ngnis etwas Kafkaeskes hat, mit der Vergangenheit zusammenfĂŒhren, die vor allem die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen ist? Die kurzen ErzĂ€hlungen der Insassen sind womöglich der einzige Ausweg aus dem Abgeriegelten, da nur der ErzĂ€hlstoff Fluchtmöglichkeiten bietet. Panfi, einer der drei schreibenden Gefangenen, meint dazu: „Wir sind nicht der Freiheit beraubt, sondern der Einsamkeit, und das ist schrecklich[.]“.

Fiil, der zweite Gefangene, holt noch mehr aus:

Selbst die Menschen, die sich in sogenannter Freiheit befinden, leben im Knast, jedoch in einem weniger sichtbaren. Was wir Freiheit nennen, ist lediglich eine vergrĂ¶ĂŸerte Einzelzelle. Wir HĂ€ftlinge mĂŒssen uns damit abfinden, dass wir eingesperrt sind. Das verleiht uns eine Kraft, die die Menschen draußen nicht haben. Als HĂ€ftling schreibe ich, um durch meine Worte aus dem Knast zu entwischen, die einzige Form von Freiheit zu erfahren, die mir keiner nehmen kann. Mein Körper ist hier, meine  Gedanken aber sind frei. In unserem Fall ist klar, was wir tun, wenn wir schreiben. Ich verstehe jedoch nicht, warum du schreibst. Du bist frei, in Wirklichkeit ist der Knast aber ĂŒberall fĂŒr dich.

In der Tat ist Scopolis Leben fĂŒr die Ich-ErzĂ€hlerin eine Zuflucht aus ihrem Dasein, in dem Tod und Leben scheinbar sich die Waage halten. Ihr Roman wird jedoch „ein Manuskript im Tagebuch bleiben mĂŒssen, mit Korrekturen und Anmerkungen vollgekritzelt, eine hĂ€ssliche, unlesbare Schrift, die nur ich entziffern kann“. Der Autorin fehlt es zuletzt an grundlegenden Ressourcen wie Strom und Papier. Ihr Roman bleibt im Tagebuch eingeschlossen. Die aggressive soziale Stimmung zwingt sie dazu, ohne Hab und Gut schließlich aus ihrer unsicher gewordenen Wohnung in die Garage ihrer Nachbarin Paula zu ziehen. Im Grunde ist dieser neue Wohnort mit einer GefĂ€ngniszelle vergleichbar. Die scheinbare Freiheit entpuppt sich als Gefangenschaft im Hier und Jetzt. Die Geschichten der HĂ€ftlinge könnten hingegen aus ihrer Sicht in der „Literaturbeilage“ einer Zeitschrift erscheinen und damit sich aus einem bestimmten Kontext befreien.

Der letzte Tagebucheintrag vom 31.12. klingt dĂŒster: „Ich wohne unter den Toten, dem Anschein nach lebendig.“ Das einzige, was hilft, ist das fehlende Lebensende, das Neverend: „Es gibt kein Ende, und das beruhigt.“

Den exzellenten Roman gibt es direkt (auch als E-Book) beim Wallstein Verlag zu bestellen. Die langen Zitate stehen auf den Seiten 5 und 213. Weitere Informationen (auch zum Autoren) bietet ein weiterer informativer Blogartikel.

Versuchsmodell – Modellversuch  – Einige Gedanken zum Film „Europa“ von Lars von Trier

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Jeder Essay ist buchstĂ€blich auch ein Versuch (wert). Und warum nicht gleich von einem Modellversuch sprechen, wenn eine Welt (re)konstruiert wird? Gerade im Medium Film liegt es nahe, eine Welt auch als Modell darzustellen, gerade wenn die ErzĂ€hlabsicht nicht ausschließlich auf realen Fakten und BezĂŒgen beruht.

Lars von Trier hat in seinen Filmen gerne das Modellhafte herangezogen, besonders in Dogville (2003). Als ich mich mit seinem Eisenbahn-Film Europa befasste, wurde es mir deswegen bewusst, weil die Modelleisenbahn als Filmmotiv diese Wahrnehmung geradezu aufdrÀngt.

Und da der Protagonist ein deutsch-amerikanischer Schlafwagenschaffner namens Leopold Kessler ist, erhĂ€lt die Nacht im Medium Film eine ĂŒbergeordnete Bedeutung. Die Kritik, allen voran der großartige, recht frĂŒh verstorbene Filmrezensent Michael Althen hat die Methode der Hypnose als filmisches Motiv vorangestellt. Durch sie wird der Film als Versuchsmodell noch plastischer, da in Bildern das Modellhafte in einer spezifischen Versuchsanordnung dargestellt wird, die unsere Wahrnehmung von Welt zumindest herausfordert, Ă€hnlich wie in einem Trance-Zustand.

WĂ€hrend in der Adventszeit zumindest vom Evangelium Wachsamkeit eingefordert wird, zieht in der Heiligen Nacht auch die Ruhe und der Schlaf ein (man denke hier an das Lied Stille Nacht, heilige Nacht). Vielleicht findet mancher die wahre Stille der Nacht erst in einem mittels Hypnose manipulierten Bewusstsein?  Schlaf und Trance werden sicher auch dank  medizinischer Therapiemöglichkeiten in Zukunft sicher etwas stĂ€rker thematisiert.

Kessler lernt Deutschland kurz nach der Stunde Null kennen, unter anderem auch den zwielichtigen Unternehmer Hartmann als Chef der Eisenbahngesellschaft Zentropa und seine Tochter Katharina, mit der er ein VerhĂ€ltnis eingeht. Hartmanns Rolle im Krieg kommentiert Katharina kurz nach seinem Freitod, im Grunde eine Kapitulation vor seiner auf sich genommenen Schuld, folgendermaßen:

FĂŒr Vater war Transport ein heiliges Wort. FĂŒr ihn war das Wichtigste, dass die RĂ€der weiterrollten. [
] In seinen Augen war ganz Deutschland wie eine Modelleisenbahn, die immer rundherum fuhr, und rund und rundherum. Und er redete sich ein, seine Waggons wĂ€ren genauso leer wie seine SpielzeugzĂŒge.

Der folgende Screenshot zeigt eine zerstörte Modelleisenbahn-Landschaft, bei deren Anblick man zwangslÀufig an reale Kriegszerstörungen denken muss:

Modelleisenbahn-Landschaft in "Europa" von Lars von Trier
Zerstörte Modelleisenbahn-Landschaft. Screenshot aus: Europa (1991), Regie: Lars von Trier, 54’2“

Da ein Modell getroffen wurde, lĂ€sst sich hier jedoch auch an die zerstörerische Ideologie des Totalitarismus denken: Ein Modell bietet jedem Betrachter eine Totale, die sich in der Wirklichkeit eben nicht so leicht ergibt. Es liegt eine Gesamtschau vor, die in ihrer Gestaltung eine romantisierende PrĂ€gung erhĂ€lt. Deutschland als Heimat der Modelleisenbahn: SpielzeugzĂŒge lassen viele Kinder und natĂŒrlich auch Erwachsene fahren. In vielen Bahnhöfen der Deutschen Bahn betreut bis zum heutigen Tag die Wimmelbahn GmbH kleine Modelleisenbahnen, die gegen MĂŒnzeinwurf fahrbereit sind (vgl. Artikel „Der letzte Bahnchef“ von Raoul Löbbert vom 29.10.23 in Die Zeit).

Zur Wahrheit gehört auch, dass ohne das engmaschige Eisenbahnnetz in den 1940er Jahren lĂ€ngst nicht so viele Menschen in den Tod hĂ€tten geschickt werden können.  AnknĂŒpfend an diese Erkenntnis verwandelt sich das Modellhafte, das im herkömmlichen Wortsinn Vor-Bild-Charakter fĂŒr die Darstellung einer fingierten, gelungenen Wirklichkeit hat, in Europa in etwas Albtraumhaftes, das an eine misslungene Hypnose denken lĂ€sst.

„Äußerst unsicher, obs die Welt ĂŒberhaupt noch gibt, wenn es draußen schwarz ist.“ Diesen Satz aus Albrecht Selges Eisenbahnroman Fliegen (erschienen 2019 im Rowohlt Verlag) könnte man fĂŒr den ganzen Film Europa heranziehen. Das Zeitlose der Nacht wird hier in Bilder getaucht, die zusammen mit der exzellenten Filmmusik einen Zuschauer auch noch in den Schlaf begleiten können
.

Der Film Europa, der bis Ende 2023 in der Arte-Mediathek verfĂŒgbar ist, ist der letzte Teil der Europa-Trilogie von Lars von Trier. Zu allen drei Filmen bietet der wissenschaftliche Beitrag von Dietmar Kammerer mit dem Titel „Traum-Reisen, Traum Geschichten“, erschienen 2009 im Sammelband Das Kino trĂ€umt. Projektion, Imagination, Vision sehr interessante Einsichten. Das lĂ€ngere Zitat findet sich am Anfang der 71. Filmminute.

Klangfarben – Über eine „Komposition“ von Adolf Hölzel

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WĂ€hrend das sinfonische Werk von Alexander Skrjabin auf synĂ€sthetische Weise Farben hervorscheinen lĂ€sst, tauchen aus den GemĂ€lden von Adolf Hölzel KlĂ€nge auf. Diese sonderbare sinnliche Wahrnehmung mag auf die meisten Zuhörer bzw. Betrachter nicht zutreffen, doch KĂŒnstler ziehen ihre Schaffenskraft aus Ressourcen, die sich nicht vollends nachvollziehen lassen. Schon deswegen ist Kunst auch als Mysterium zu werten.

Der Titel Komposition (Anbetung) eines GemÀldes aus den 1920er Jahren zeigt bereits, dass sich die NÀhe zur Musik aufdrÀngt. Das Werk war in einer Ausstellung der Sammlung Felix und Herlinde Peltzer-Stiftung im Altenburger Schloss zum ersten Mal in der NÀhe des Ortes zu sehen, wo es als Dauerleihgabe beheimatet sein wird: 2021 wurde nÀmlich eine Kooperationsvereinbarung mit der besagten Stiftung und dem 2027 nach mehrjÀhriger Renovierung wiedereröffnenden Lindenau-Museum geschlossen, das somit um einen Schatz reicher wird.

Es fasziniert mich, wie ein Motiv, nĂ€mlich die Anbetung des jungen Jesus Christus, subtil in eine Art Farbenkosmos eingearbeitet wurde, ohne dass es einem unaufmerksamen Auge auffallen wĂŒrde. Das Anbetungsmotiv kommt ĂŒberdies in Hölzels Werk mehrfach vor, so dass man es leicht fĂŒr eine spezifische vergleichende Forschung heranziehen könnte:

Adolf Hölzel: Komposition
Adolf Hölzel: Komposition (Anbetung), Pastell auf Papier, um 1925. Leihgabe aus der Sammlung Felix und Herlinde Peltzer. Foto: Lindenau-Museum Altenburg

In einem Aufsatz von Karin von Maur mit dem einschlĂ€gigen Titel „Hölzel und die Musik“ erfahren wir, dass der 1853 im mĂ€hrischen OlmĂŒtz (Olomouc) geborene Hölzel schon vor dem Aufkommen des Expressionismus „an der Stuttgarter Akademie seit 1906 schwerpunktmĂ€ĂŸig auf ein intensives Studium der Farben, ihrer Kontraste und der Wechselwirkungen“ Wert legte. Farbtafeln setzten an Farbenlehren des beginnenden 19. Jahrhunderts an, deren bekanntester Vertreter wohl Johann Wolfgang von Goethe war. Hölzel sprach 1919 auf einem Vortrag auf dem Ersten Deutschen Farbentag von einem „Toncharakter“ und  der Möglichkeit, ihn von einer „Tonart“ in eine andere zu „modulieren“ und dabei verschiedene „Klangfarben“ zu erzeugen. Hierbei muss es ein Vorteil gewesen sein, dass Hölzel seit seiner Kindheit regelmĂ€ĂŸig Geige spielte und sich auch mit dem Kontrapunkt nach Johann Sebastian Bach vertraut machte. Dass Hölzel in der zweiten HĂ€lfte des Ersten Weltkriegs Glasfenster im „Konferenz- und Festsaal der Keksfabrik Bahlsen in Hannover“ gestalten durfte (teils im Original erhalten, teils reproduziert), zeigt die hohe WertschĂ€tzung, die dem KĂŒnstler in der Öffentlichkeit zuteil wurde.  Bei der kĂŒnstlerischen Ausgestaltung  ist vom KĂŒnstler selbst ein Verweis auf AtonalitĂ€t als ein Merkmal moderner Musik enthalten. Das  1916 fertiggestellte ÖlgemĂ€lde Fuge (ĂŒber ein Auferstehungsthema) enthĂ€lt laut von Maur eine „markante Modulation“, die das Hell-Leuchtende einer Dur-Tonart und das KĂŒhl-Dunkle einer Moll-Tonart zuweist: „Das Bildfeld wird so in zwei Farbzonen geteilt, die mit einem Tonart-Wechsel von ‚durverwandten’ nach ‚mollverwandten’ Tönen einhergeht.“ Es komme laut Hölzel also nicht auf den Gegenstand an, wenn es um das Harmonische geht.

Über das vorliegende Pastellbild Komposition (Anbetung) habe ich wenig Informationen gefunden, wohl auch deswegen, weil das Bild bisher nun im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum fĂŒr die Öffentlichkeit zu sehen war.

Man könnte meinen, dass man bei der Betrachtung in ein Farbenklangbad aus kalten und warmen Tönen eintaucht. Dabei strukturieren gleichermaßen Linien und FlĂ€chenformen das Bild. Recht schnell bemerkte ich jedoch, dass das Unterscheidungsprinzip Linie-FlĂ€che hier nicht aufgeht: Am rechten Bildrand lĂ€sst sich schön untersuchen, wo genau sich eine Linie und wo eine FlĂ€che wahrnehmen lĂ€sst. Die Zuordnung fiel zumindest mir schwer, was wohl daran liegt, dass das GemĂ€lde teilweise keine eindeutig bestimmbaren geometrischen Formen enthĂ€lt. Ebenso wird mir bewusst, dass die Betrachter die Anbetenden und den Angebeteten nicht eindeutig von der Umgebung abgrenzen können. Das Objekthafte fehlt und kann nur imaginĂ€r mitgedacht werden. Genau das macht ja die Bildkomposition aus: Es gibt keine Hierarchien, weder ein Zentrum noch eine Peripherie. Nur aus unserem visuellen Erfahrungswissen können wir uns das geneigte Haupt im wahrsten Sinne des Wortes einbilden. Es wird ganz sicher vom Bilderfahrungsschatz des Betrachters abhĂ€ngen, ob, und wenn ja, wie stark eine Anbetungsszene imaginiert wird. Zweifelsohne hĂ€tten viele Betrachter – mich eingeschlossen – ohne den Titel keine Anbetung wahrgenommen. Nun, ein wacher Blick mag die Grundfarben Rot-Blau-Gelb in relativ mittiger Position ausmachen, die in ihrer Anordnung die Interpretation mit dem Inhalt vorgebeugter Oberkörper plausibel erscheinen lĂ€sst. Nicht nur mein Auge, so vermute ich, wird wohl zu dieser Farbkonstellation hingefĂŒhrt, ohne dass es eines lĂ€ngeren Suchvorgangs bedĂŒrfte. Und schließlich öffnet sich das ganze Werk hin zu diesem Anbetungsmotiv, da es in manchen Ă€hnlichen Formen, in denen sich unabhĂ€ngig von der Farbwahl ein geneigter Kopf erkennen lĂ€sst, angedeutet wird. So erfĂŒllt sich auch der Titel Komposition: Das Werk ist quasi durchwirkt von einem zentralen Konzept, das Bildgestaltung und -inhalt miteinander verknĂŒpft.

Ein langes KĂŒnstlerleben ging erst 1934 in Stuttgart zu Ende. So erlebte Adolf Hölzel viele Stilrichtungen, ohne dass er einer bestimmten Epoche zugeschrieben wĂŒrde. Das macht sein Werk besonders spannend. Eine große (Wieder-) Entdeckung seines eher vernachlĂ€ssigten Werks steht wohl noch aus. Ganz klar: Der alte Goethe hat diesen Farbrausch nie zu sehen bekommen. Dass wir diese Komposition(en) entdecken können, ist unser großes Privileg!

Herzlichen Dank an das Lindenau-Museum Altenburg, insbesondere an Frau Anna Lutz, und an die Felix und Herlinde Peltzer-Stiftung fĂŒr die Abbildungsgenehmigung! Ebenso sei Vincent Rudolf, ehemaliger Mitarbeiter des Suermondt-Ludwig-Museums fĂŒr seine bibliografischen AuskĂŒnfte gedankt. Die Zitate aus dem Aufsatz von Karin von Maur finden sich auf den Seiten 130ff. im Sammelband Vision Farbe. Adolf Hölzel und die Moderne, herausgegeben 2015 von Christoph Wagner und Gerhard Leistner im Wilhelm Fink Verlag.

Reiserelationen  – Über Sibylle Bergs „Die Fahrt“

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HĂ€tte ich frĂŒher im Deutschunterricht Sibylle Bergs Die Fahrt gelesen und diskutiert, wĂ€re ich wohl eher auf den Trichter gekommen, dass Literaturstudien auch nach der Schulzeit von großem Interesse sein können.

Sibylle Berg ist als Persönlichkeit und Schriftstellerin streitbar und sicher auch streitlustig:   sie hat sich fĂŒr die Satire-Partei (mit dem blassen Namen Die Partei) im Europawahlkampf 2024 als Kandidatin aufstellen lassen. Ihre Werke fallen allgemein mit einem gewissen „pessimistisch-sarkastischem Ton“ auf, neben dem „formale Experimentierlust“ spĂŒrbar ist, wie die FAZ ihr Werk am Rande eines Interviews mit Edo Reents formulierte (Ausgabe vom 25.09.23). Nachdem ich am Silvesterabend 2021 im Maxi-Gorki-Theater von ihrem StĂŒck Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden (u.a. mit Katja Riemann) mĂ€ĂŸig begeistert war, wird mir Die Fahrt besser im Kopf bleiben. 

Dass unter anderem die Kulturstiftung Helvetia und das Globetrotter ReisebĂŒro Bergs Romanprojekt unterstĂŒtzt haben, wie man im Impressum erfahren kann, zeigt ein gewisses Engagement fĂŒr die Sache, und die Sache heißt Literatur, fĂŒr die gerade bei einer einschlĂ€gigen Thematik das Reisen essentiell ist.

Die Fahrt, zuerst erschienen 2007, erzĂ€hlt von Reisenden, die sich untereinander mehr oder weniger gut kennen. Sie sind oder werden vor und wĂ€hrend ihrer Reisen Bekannte. Insofern gibt der Romantext Reiserelationen in doppelter Hinsicht wieder: Personen und Orte werden miteinander so verknĂŒpft, dass beide Kategorien zueinander eine Beziehung eingehen: Die Orte werden meist in Bezug von Relationen innerhalb von StĂ€dten oder Orten oder zwischen ihnen beschrieben, so dass die Wahrnehmung der ErzĂ€hlstimme weniger das Wesentliche als das FlĂŒchtige thematisiert, so dass das ErzĂ€hlte mitunter grob-verzerrt herĂŒberkommt. Sibylle Berg hat damit den Stempel ihrer Reisen auf die verschiedenen Charaktere aufgedrĂŒckt.

Zwei der gut zehn Figuren sollen als kleine Kostprobe dienen: Frank und Ruth. WĂ€hrend die ihm gewidmeten ersten drei Kapitel in Berlin und die letzten drei Kapitel in ReykjavĂ­k verortet sind, so begegnen wir Ruth in Franks erstem Berlin-Kapitel, bevor wir in sieben folgenden Kapiteln ihrer Reise bruchstĂŒckhaft folgen können: Drei Kapitel handeln in Tel-Aviv, drei weitere jeweils in Wien, Neu-Ulm und Paris, bevor wir sie im letzten Kapitel in ReykjavĂ­k wiederfinden.

Von Frank erfahren wir in sechs Kapiteln genau so viel, dass wir uns ihn als daheim in Berlin Dahinlebenden vorstellen können, der mit sich zufrieden ist, vielleicht deswegen, weil „eine Abwesenheit von Erwartungen“ vorherrscht:

Frank konnte heute verstehen, dass Berlin gemeinhin als wenig anziehend galt, denn die Stadt war definitiv eine Ă€ußerst hĂ€ssliche Angelegenheit. Keiner hĂ€tte geglaubt, dass dieser Klumpen eingezĂ€unten Drecks jemals wieder so etwas wie eine Metropole werden konnte. Nun war es eine, mit all den dazugehörigen LuxuslĂ€den, Kiezen, Parallelwelten, die sich nicht berĂŒhrten. Es gab ein paar Ă€sthetisch ansprechende Orte, doch hielten die sich immer so weit entfernt von einem selbst auf, dass man sie nie aufsuchte.  (
) So grenzten die Menschen mit zunehmendem Alter ihren Radius ein, gewöhnten sich an die Kneipen, LĂ€den, GrĂŒnflecken in ihren Vierteln, die nicht grĂ¶ĂŸer waren als ein Dorf. Vermutlich sind Menschen von jeder Ansiedlung, die die GrĂ¶ĂŸe einer Kleinstadt ĂŒberschreitet, ĂŒberfordert.

Das GlĂŒck blitzt kurz auf, als er Ruth kennenlernt, als er einen aus seinem Nest gefallenen Vogel erstversorgt, mit ihr und einer Flasche Wein eine Nacht verbringt und anschließend das Leben des Vogels bei sich zu Hause fĂŒr drei Tage verlĂ€ngert. Eine Fernreise nach China bricht er ab, als er in einem startklaren Flugzeug sitzt; schließlich nutzt er einen dienstlichen Kontakt in Island aus, als er sich endlich einen Ruck heraus aus einem festgefahrenen Leben geben kann.  LebensglĂŒck kehrt somit andernorts im Geiste der Gemeinschaft ein:

Am Abend war Frank so verabredet, wie man es in Island tat. Komm doch vorbei, sagte man, und dann kamen alle vorbei und hockten in KĂŒchen, gingen spĂ€ter noch in eine Bar oder irgendeine andere Wohnung, um da herum-zuhocken. Dabei wurde immer nett geschwiegen, bis mehrere IslĂ€nder umfielen. Ohne Umfallen war der Abend kein gelungener. Frank, der nie ein Freund von Gesellschaft gewesen war, fĂŒhlte sich inmitten dieser merkwĂŒrdigen Menschen ausnehmend wohl. Vielleicht war es das Abhandensein von Eitelkeit, das die AtmosphĂ€re so angenehm machte. Alle waren irgendwie verwandt, wer wollte da angeben?

Ruth lebt zu Anfang des Romans recht einsam als Übersetzerin ohne große Leidenschaft in Tel-Aviv. Statistiken ĂŒbermitteln lakonisch-sarkastisch die Gefahren des Alltags, die leider im Oktober 2023 eine brutale AktualitĂ€t erfahren mussten: „Sie hatte gelernt, Autos mehr zu fĂŒrchten als Terroristen, es gab 6000 Verkehrstote jedes Jahr, dagegen nur 200 Terrortote.“ Wenige Abschnitte spĂ€ter heißt es : „3838 TerroranschlĂ€ge gab es im letzten Jahr, tĂ€glich wurden 40 Attentatsversuche vereitelt. Alltag ging da nur mit VerdrĂ€ngen.“ Zwei weitere Kapitel begleiten wir Ruth desillusioniert in Israel, bevor sie unfreiwillig auf der RĂŒckkehr in die Heimat einen Kurzaufenthalt in einem Wiener Stundenhotel einlegt, ebenso unfreiwillig auf der Zugfahrt nach Berlin in Neu-Ulm strandet, zur Ablenkung ihre Sommerferien im brĂŒtend heißen Paris verbringt, wo sie zur ersehnten AbkĂŒhlung ein weiteres „Sommersonderangebot“ aufschnappt, nĂ€mlich zwei Wochen Island. In einem ReykjavĂ­ker CafĂ© trifft sie im fĂŒnftletzten Kapitel unverhofft Frank wieder. Sie erinnern sich an ihr erstes Zusammentreffen; in einem Leuchtturm verbringen sie gemeinsam eine romantische Nacht, als ihnen das Meer den Weg zum Festland versperrt. Einige Wochen herrscht das GlĂŒck in neuer Zweisamkeit vor, nachdem sie sich in das von Gunner zurĂŒckgelassene Haus eingemietet haben, der auch sein Todesort sein wird: Frank stirbt schließlich krebskrank „im Morphiumnebel“ im Beisein von Ruth.

Das letzte Kapitel knĂŒpft an das erste Kapitel an, als von eben diesem Gunner die Rede war, der sein Haus nach der Trennung von seiner Freundin verlĂ€sst. Hier ist die Beziehung mit einer weiteren Figur also keine persönliche, sondern rein örtlich. Dadurch, dass die Reisen aller Charaktere flĂŒchtig geschildert werden, festigen sich keine Konstellationen. Das Raum-Zeit-Kontinuum hat im Buch keine Relevanz, was eine aufmerksame LektĂŒre erfordert: Das Sprunghafte wird in diesem Roman zur erzĂ€hlerischen Tugend: Wer das Buch ein zweites Mal liest, wird zuvor verborgene BezĂŒge auftun können.

Leider kommen die beigefĂŒgten Fotografien in der rororo-Taschenbuchausgabe (Rowohlt Verlag) qualitativ nicht gut weg. In der Ausgabe von Kiepenheuer & Witsch (Kiwi) entfalten sie eine deutlich bessere Wirkung. Sie geben dem Erlebten buchstĂ€blich noch eine grĂ¶ĂŸere Dimension, da mit ihnen die beschriebenen Orte noch prĂ€senter wirken. Die Lust zu fabulieren  macht aus diesen SchnappschĂŒssen zusammen mit prĂ€zisen, meist skurrilen Reisebeobachtungen an kaum zu ĂŒberblickenden Orten eine zeitlose, rasante ErzĂ€hl-Fahrt,  gleichsam ein literarisches Fahrtenbuch. Die vielleicht vorhandene Reisekostenabrechnung von Sibylle Berg wĂ€re im Literaturmuseum Marbach sicher gut aufgehoben!

Lieferbar ist die KiWi-Ausgabe direkt beim Verlag. Die lĂ€ngeren Zitate befinden sich in der rororo-Ausgabe auf den Seiten 15 und 311, die kĂŒrzeren auf den Seiten 36f.

In die Tiefe der Sprach-Maschine – Über den halbautomatischen Zugang zu einem spanischen Popsong

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Deep-L ist mittlerweile zu einem recht bewĂ€hrten Werkzeug geworden, mit dem sich nicht nur gut ĂŒbersetzen, sondern auch zusammenfassen lĂ€sst. Das Potenzial ist gewaltig.

Als ich im Studium Spanisch lernte, kam die poetische Kraft der Sprache eindeutig zu kurz. Doch als ich Ende August auf Deutschlandfunk Kultur den ruhigen Popsong Ámbar – zu deutsch: bernsteinfarben – von Calavera hörte, dachte ich mir, wie schön es wĂ€re, nicht nur einige Brocken im Audioradio aufzuschnappen, sondern auch den ganzen Liedtext zu durchdringen. Außerdem hilft es, wenn man dank der kostenlosen Version von Deep-L eine schnelle Übersetzung ins Deutsche erhĂ€lt (und dazu auch kurze Zusammenfassung des Liedtextes). Zweimal – am 04.09. und am 28.09. – bemĂŒhte ich das Tool: WĂ€hrend die beiden gelieferten Übersetzungen so gut wie ĂŒbereinstimmen, sind die Zusammenfassungen komplett verschieden. Als mögliches Unterrichtsthema wĂ€re es nun sinnvoll, diese beiden Version miteinander zu vergleichen. WĂ€hrend der erste Versuch sehr stark am Liedtext klebt, ist der zweite deutlich freier und vor allem auch abstrakter formuliert, so dass hier das Interpretatorische stĂ€rker hervorkommt. Genau das ist ja wichtig, um sich von dem Modus des Beschreibens zu lösen und Bedeutungen herauszufiltern, ohne dabei besondere AusdrĂŒcke aus dem Blick zu verlieren:

Am 04.09. hieß es:

Der Text handelt von einer Person, die von einem Zug springt und sich plötzlich alleine fĂŒhlt. Sie sehnt sich nach der Anwesenheit einer anderen Person und vermisst deren FußabdrĂŒcke. (
) Sie braucht diese Person mehr als andere und wenn diese nicht in ihrer NĂ€he ist, verliert sie sich immer wieder in der Stadt.

Am 28.09. las es sich ganz anders:

Der Text handelt von einem GefĂŒhl der Verlorenheit und Einsamkeit in einer Stadt. Die Protagonistin erinnert sich an eine vergangene Beziehung und sehnt sich nach der Anwesenheit der Person. (
) Die Stadt symbolisiert dabei ihre eigene innere Leere. (
) Dieses Verlieren in der Stadt symbolisiert auch das Verlieren von sich selbst und einer IdentitĂ€t ohne die besagte Person.

Das klingt deutlich ĂŒberzeugender, wenngleich es voreilig ist, die Stadt als Symbol zu sehen.  In ihr ist die Einsamkeit zu beobachten, doch wird  sie nicht beschreibend  einbezogen. Im Refrain heißt es:

Sigo perdiéndome en la ciudad

Si ya no tengo a dĂłnde ir

Te necesito mĂĄs que a los demĂĄs

Sigo perdiéndome en la ciudad

Si no te tengo junto a mĂ­

Es que prefiero recordarte asĂ­

Como una luz en la oscuridad

Die deutsche Übersetzung gibt den Text fehlerfrei wieder:

Ich verliere mich immer wieder in der Stadt

Wenn ich nirgendwo anders hingehen kann

Ich brauche dich mehr als die anderen

Verliere ich mich immer wieder in der Stadt

Wenn ich dich nicht neben mir habe

Ich wĂŒrde mich lieber so an dich erinnern

Wie ein Licht in der Dunkelheit

Diese gute Übersetzungsleistung reicht jedoch nicht aus, um gĂ€nzlich richtige SchlĂŒsse daraus zu ziehen. Beziehungsverlust fĂŒhrt letztlich oft zu Einsamkeit, doch was kann in diesem Kontext die Stadt dafĂŒr?

Die erste Strophe mag als Beispiel dafĂŒr dienen, wie im Original eine bestimmte Verlust-Stimmung einer geliebten Person beschrieben wird:

Bajé de un salto

De tu tren en marcha

Rodé sobre la escarcha en el asfalto

SentĂ­ tu falta

Y ahora me asaltas

Y ya no queda ni rastro de tus huellas descalzas

Im Deutschen wird dies auf Deep-L folgendermaßen (nach einem groben wiederholten grammatischen Fehler in den September-Versionen) am 05.10. ĂŒbersetzt:

Ich sprang hinunter von deinem fahrenden Zug

Ich rollte ĂŒber den Frost auf dem Asphalt

Ich fĂŒhlte deine Abwesenheit und jetzt ĂŒberfĂ€llst du mich

Und es gibt keine Spur mehr von deinen barfußigen FußabdrĂŒcken

„Barfußige FußabdrĂŒcke“ klingt mit insgesamt acht Silben wenig elegant; „rollen“ wĂ€re besser freier mit „schlittern“ oder „sich treiben“ ĂŒbersetzt, wodurch die kreisende Vorstellung des Ausgangsverbs verloren geht. „Escarcha“ ist mehr der (funkelnde) Raureif als bloßer Frost. GĂ€nzlich falsch wurde das Verb „asaltas“ (Infinitiv: asaltar) am 04.09. und am 28.09. im Imperativ als eine Art Aufforderung mit â€žĂŒberfallen“ ĂŒbersetzt. Warum eigentlich? Es handelt sich ja um den Indikativ, was in der Oktober-Übersetzung (endlich!) grammatisch richtig gestellt wurde.  Auf Deutsch lĂ€sst sich das nur ungut wiedergeben; man könnte hier vielleicht mit „Nun komme ich nicht von dir los“ ĂŒbersetzen.  Im Spanischen dĂŒrfte die VerknĂŒpfung des Springens, nĂ€mlich des Absprungs mit „bajĂ© de un salto“ (Zeile 1 – Infinitiv: bajar de un salto) und des mentalen Aufspringens mit „asaltas“ (Zeile 5 – Infinitiv: asaltar) möglich sein, wenn man sich jeweils einen (Beziehungs-)Zug dazudenkt. Von einem fahrenden Zug zu springen lĂ€sst sich als Trennung ohne eindeutiges Motiv verstehen; nun ist die physische Abwesenheit und die gedankliche Anwesenheit des GegenĂŒbers stark ausgeprĂ€gt: Inhaltlich kann es ja demnach beim Aufspringen nur um ein mentales Belagern, nicht um ein Überfallen gehen (Stichwort: Spurenlosigkeit).  Hier merkt man, wie schwierig es fĂŒr die KI immer noch ist, die richtige Bedeutung des Verbs aus dem besungenen Kontext  herauszulesen.

Kurz noch zum Musikalischen: Dieser Song ist raffiniert psychedelisch komponiert. Besonders gelungen finde ich die harmonischen Wechsel auf den Endsilben „tí“, „ir“ und „mí“, der nach meinem Eindruck einen Ton-Sprung wiedergibt, der den Original-Text  gut illustriert.  So passt der Titel „bernsteinfarben“ sehr gut, der sich zumindest im Songvideo auf ein blinkendes Ampellicht bezieht. Wer nun glaubt, dass dieses Licht im Reich der Poesie verbleibt, irrt: Auf der Homepage der Stadt Mainz wird sogar fĂŒr den Einsatz dieser Farbe fĂŒr Beleuchtungszwecke geworben: „Sogenannte Amber-LED-Leuchten strahlen langwelliges, bernsteinfarbenes Licht ab und haben sich als sehr umweltfreundlich erwiesen.“ Bezogen auf Calveras Song poetischer formuliert: Ámbar ist im wahrsten Sinne ein Glanzlicht!

Das Lied kann hier (in VerknĂŒpfung mit einem Musikvideo) nachgehört und der Songtext nachgelesen werden.

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