Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Autor: Thomas Edeling Seite 1 von 13

Genießer und Entdecker kleinerer und größerer unbekannter Gefilde. Vom Südrand des Ruhrgebiets stammend, aus dem Essener Süden, wo landschaftliche Reize und Industriekultur gleichermaßen in der Nähe sind. Im beruflichen Alltag Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. In der Freizeit gerne auf dem Rad, auf Langlauf-Skiern, auf der Vespa oder zu Fuß unterwegs.

Ein melancholischer Blick zurück – Über einen Filmessay zur Wendezeit

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In der Mittelstufe lernte ich die vier wichtigsten Temperamente kennen, die uns Menschen auszeichnen: Ob man als Sanguiniker, Melancholiker, Choleriker oder Phlegmatiker (letzteren Typus hatte ich vergessen) durch Leben geht, lässt sich natürlich nicht einzeln feststellen. Damals fehlten mir wohl auch Beispiele, die eine solche Typologie fruchtbar erscheinen ließen.

Und nun, einige Jahrzehnte später, stieß ich auf einen melancholisch gestimmten Filmessay mit dem Titel Mein Land will nicht verschwinden. Dieser Dokumentarfilm wurde kurz nach dem 03.10.25 auf 3sat gezeigt. Wer ein gutes Beispiel für einen höchst bzw. tiefst schwermütigen Ton sucht, wird hier fündig. Gerade wenn der Filmautor über seine persönlichen Erlebnisse während der Wendezeit spricht, wirkt die Melancholie zusammen mit den vielen ausgesuchten Szenen aus der damaligen (Fernseh-)Zeit fühlbar.  Andreas Goldstein, Jahrgang 1964, schafft es, mich als Zuschauer in seinen autobiografischen und zugleich auch historischen Betrachtungen mitunter zu fesseln.  Das hat vor allem damit zu tun, dass der Filmautor zu der Generation gehört, die mitten im Studium den Umbruch erlebt haben und daher nicht umhin kamen, das Vorher und Nachher in Beziehung zueinander zu setzen. Statt eines Kontinuums gab es ja einen intellektuellen Zusammenbruch zu verkraften, denn das Gelehrte von 1989 war in manchen Fächern, gerade in Philosophie, teilweise obsolet geworden. Goldstein sucht Zugänge, mit diesem Kollaps umzugehen. Das Material, das er produziert hat, finde ich historisch nicht nur wichtig, sondern auch eindrucksvoll, auch wenn manche Analyse nicht ins Schwarze treffen mag. Historiker werden den einen oder anderen Kommentar zurechtrücken (müssen).

Mir geht es eher um die bei heutiger Betrachtung skurrilen Leipziger Messetage, bei der Unternehmen aus dem kapitalistischen Westen ihre Produkte und Dienstleistungen im eigentlich abgeschotteten sozialistischen Osten anbieten. Trotz Todesstreifen gab es auf beiden Seiten den Willen, Geschäfte zu machen. Goldmann hat dazu eindrückliches Filmmaterial mitsamt O-Tönen aus den 1980er Jahren zusammengeschnitten und kommentiert dazu parallel im Film Folgendes:

Zweimal im Jahr berichtete das Fernsehen der DDR von der Eröffnung der Leipziger Messe und füllte damit die gesamte Zeit der Nachrichten. Die Ausführlichkeit zeigte, wie wichtig Honecker die internationale Anerkennung des kleinen Landes war. Der Rundgang endete immer am sowjetischen Pavillon, obligatorisch der längste Bericht. Aber nach Leipzig kamen auch Vertreter der Bundesrepublik.

Die Bundesrepublik versagte der DDR die Anerkennung als souveräner Staat, aber hier empfing Honecker Wirtschaftsvertreter und Industrielle. Die Berichte von diesen Treffen wurden von Jahr zu Jahr länger; Honecker begegnete auch hier den späteren Treuhand-Chefs Rohwedder und Breuel. Wenige Jahre später – Honecker wird da schon im Gefängnis und auf der Flucht sein –werden sie das Volksvermögen der DDR privatisieren und so an westdeutsche Unternehmen bringen.

Honeckers Weltreise ging einen halben Tag; er musste an den meisten Ständen trinken und am Ende vom sowjetischen Botschafter gehalten werden. Hatten sich die Kommunisten so im Zuchthaus, im KZ ihre Zukunft vorgestellt?

Anders als Dokumentarfilme, deren Autoren auf Distanz zum Gezeigten bleiben, scheint Goldstein unglaublich nah am Stoff zu sein. Das hat, gerade was die Szenen zur Leipziger Messe anbetrifft, auch etwas mit dem Schnitt und dem Tonmaterial von damals zu tun, beispielweise wenn Erich Honecker bei der Begrüßung der westlichen Wirtschaftsvertreter fragt: „Nun, wie geht es Ihnen? Was macht das Geschäft? Das fängt erst an, ne?“ Antwort: „Fängt erst an.“ Honeckers Prognose: „Aber es wird erfolgreich weitergeführt.“ Replik: „Daran zweifeln wir bestimmt nicht.“

Kommentare des Regisseurs und O-Töne transportieren eine Bitterkeit oder zumindest Schwermut, die bei aller Logik der historischen Ereignisse auch etwas Erschütterndes an den Tag legen: Wie kann ein Land so schwach regiert werden, das es eigentlich nur noch kollabieren kann, wenn keine Stütze aus dem Ausland erfolgt? Und vor allem: Wie kann es die eigens gesetzten Ideale so verraten, wenn das so verteufelte Geld aus dem Westen als Devisen so erwünscht war? Wie kann so eine Inkonsequenz so eindeutig sein? Die vielen aus dem Westen freigekauften DDR-Häftlingen ergaben ja auch ein Geschäft der besonderen Art: Es wurde im Grunde mit Menschen gehandelt.

Mir imponiert der Mut des Regisseurs, auch mal gegen die landläufige Geschichtsschreibung eine Erzählung zu formulieren, die man in einen Diskursraum stellen muss, gerade nach mehr als 35 Jahren nach der Wende. Die Fragezeichen überwiegen auch bei mir: Warum hat gerade der langjährige Häftling Honecker (vor Gründung und nach dem Untergang der DDR) nicht so politisch gehandelt, dass man ihm heute mehr Anerkennung zuteil lassen werden könnte? Das gelieferte Bild- und Tonmaterial lässt die Tragik mancher historischer Wendungen ganz ohne Tragödie erkennen, ganz gleich, wie man zur Wiedervereinigung weltanschaulich steht. Mir fällt dabei schließlich nur ein allbekanntes Sprichwort ein, das gerade angesichts jeglicher revolutionärer Prozesse zu denken gibt: Des einen Freud, ist des anderen Leid.

Im Film wird die Leipziger Messe mit Bildmaterial aus den 1980er Jahren nach ca. 18 Minuten knapp vier Minuten kommentiert. Sehr hilfreich ist für den ganzen Film eine Rezension von Ulrike Steglich auf epd Medien. Von ihr habe ich den Ausdruck „melancholischer Essay“ übernommen. Der zitierte Dialog ist zwischen 19min50sek und 20min00sek zu hören.  

Kunstvoll beleuchtet – abseits des Rampenlichts

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Im Sommer 2025 besichtigte ich die famose Ausstellung European Realities im Chemnitzer Museum Gunzenhauser. Einige Gemälde haben mich sehr angesprochen, gerade auch weil man beim Betrachten nicht sofort an bestimmte Stile berühmter Künstler wie Picasso und Gauguin dachte.

Zwei ausgestellte Gemälde von Franz Sedlacek möchte ich in diesem und im kommenden Monat näher vorstellen. Das erste heißt Lied in der Dämmerung (1931).

Lied in der Dämmerung
Franz Sedlacek (1891-1945) – Lied in der Dämmerung (1931), Öl auf Sperrholz, Albertina, Wien.

Zum in Breslau geborenen Franz Sedlacek  (1891- 1945) ist mein Wissenshunger noch nicht gestillt. Bisher konnte ich erst einige spärliche Informationen finden. Das Wiener „Auktionshaus im Kinsky“  bestätigt meinen Eindruck von einem „klar geordneten Bildaufbau“, der nicht nur für die Anfang Dezember 2025 versteigerte Tuschezeichnung von 1936 mit gleichem Motiv gilt (Schätzpreis: 15.000 – 30.000 Euro; Erlös: 55000 Euro; inklusive Steuern und Gebühren: 71.000 Euro). Mich fasziniert der bewusst vorgenommene Stilbruch: Zum einen die altmeisterliche Maltechnik, die die nicht naturalistische Lichtstimmung wunderschön herausarbeitet. Zum anderen die grafisch anmutenden Elemente wie der Kopf des Pianisten in der Ecke und die übergroße Fledermaus im Zentrum.  Außerdem bilden „skurril-groteske und magisch-lyrische Bildfantasien“ soweit „alptraumartige Szenerien“ einen Vorstellungsraum, der kein üppiges Bildprogramm erfordert. Die (zu) hell gezeichnete Topfpflanze ließe mit ihren unterschiedlich ausgerichteten Blättern auch eine Bewegtheit im Raum imaginieren und würde damit die Bewegungen des Pianisten und auch der Fledermaus aufnehmen, gerade wenn man sich dazu einen vorgetragenen musikalischen (Klavier-) bzw. Orgelsatz (frz.: mouvement) vorstellt.

Wenn man bedenkt, dass der studierte Chemiker Sedlacek „Kustos für Chemische Industrie am Technischen Museum“ in Wien war, dann kann man sich vorstellen, dass Präzision eine große Rolle in seinem Werk spielt. Er ist also kein klassischer Berufsmaler gewesen. Auch als Illustrator, unter anderem in der bekannten Zeitschrift Simplicissimus, machte er sich einen Namen, der in den 1930er Jahren mehrfach mit der Österreichischen Staatspreismedaille geehrt wurde.

Nachdem ich das Gemälde Ende November wiederholt auf einer privaten Fotografie betrachtet hatte, kam ich in der anschließenden Woche mit gleich drei ganz unterschiedliche Kontexten in Berührung, in denen die Dämmerung eine Rolle spielt:

Einmal das Kunstlied Dämmrung senkte sich von oben (1873, op. 18) von Julius Otto Grimm nach einem Gedicht von Johann von Goethe, einem wunderbaren Beispiel für Naturlyrik. Der fünfte Vers „Alles schwankt ins Ungewisse“ könnte auch für Sedlaceks Gemälde gelten, denn die relative Bildleere im konkreten (Wohn-)Raum könnte auch für die Zeit gelten, die als Pendeluhr verdinglicht wurde.

Anschließend die kurze Erzählung Die Botschaft (1947) von Heinrich Böll, in der es heißt: „Es war unsagbar still, jene Stunde, wo die Dämmerung noch eine Atempause macht, ehe sie grau und unaufhaltsam über den Rand der Ferne tritt.“ Das zeitliche Innehalten – quasi ein Pausenzeichen in der Erzählung aus der Nachkriegszeit, kontrastiert mit dem Handlungsimpuls des Erzählers, der nach der Freilassung aus der Gefangenschaft eine Todesnachricht an die Ehefrau des im Juli 1945 verstorbenen Mitgefangenen übermitteln muss: „und das brennende, zerreißende Verlangen quoll in mir auf, mich hineinstürzen zu lassen in die graue Unendlichkeit des sinkenden Dämmers, die nun über dem weiten Feld hing und mich lockte, lockte…“ Ob Böll hier an die Naturlyrik Goethes dachte, wo bereits in zweiten Zeile die „Nähe fern“ ist? Man sieht hier, dass nicht nur zeitlich, sondern auch von der Stimmung her das Sedlacek-Motiv näher an Bölls erzählter Welt liegt als an Goethes Stimmungsbild.

Dass schließlich ein Cocktail mit dem schönen Namen Dämmerlicht in der stimmungsvollen Chemnitzer Bar Katz und Maus den Gedanken an die Dämmerung abschließt, wobei hier auch in der Erinnerung (Hintergrund-)Musik mitschwingt, war für mich ganz und gar eine wohltuende Sinnesfreude. Eine gute Kamera könnte den Hell-Dunkel-Kontrast, der sich bei der Betrachtung des Getränkes und des vor Ort realisierten Lichtkonzepts auftut, leicht belegen.

‚Dämmerung’, im Englischen ‚twilight’, lässt sich ja auch als Zwielicht bezeichnen. Gerade dessen Adjektiv-Form, das Zwielichtige, hat ja zuvorderst eine Bedeutung im übertragenen Sinne, wenn etwas Misstrauen oder Verdacht erweckt. Im Italienischen und im Französischen ist im Wort ‚chiaroscuro’ bzw. ‚clair-obscur’ die Hell-Dunkel-Akzentuierung als besondere Maltechnik seit der Spätrenaissance eingegangen. Licht wird ins Dunkel gebracht, um Dinge buchstäblich zu beleuchten, was auch die Interpretation beeinflusst.  

Jeder Betrachter wird – wie es für surreal anmutende Gemälde typisch ist – eigene Zugänge zu Franz Sedlaceks Gemälde finden. Manch einer wird womöglich beim Betrachten des zentralen Bildobjekts an einen Vorläufer eines Fantasy-Wesens denken. Mir reicht der Gedanke an ein Abendlied, das mit einigen Dissonanzen aufwartet und keinerlei Botschaft verkündet, sondern einen Raum öffnet, in dem viele Gedanken Platz finden, die oftmals im Ungewissen begründet liegen.

Die Böll-Zitate stehen auf der Seite 6 der Aufbau-Taschenbuchausgabe Der Geschmack des Brotes aus dem Jahre 1990. Vielen Dank an Clemens Müller und Yeran Kim für die engagierte Verbreitung des Kunstliedes von Julius Otto Grimm in Form eines musikalischen Adventskalendertürchens.

Amtlich aufgedreht – Über eine einmalige Musikauswahl

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Standesamtliche Trauungen zeichnen sich durch einen durchgetakteten Ablauf aus. Passende Musikstücke für diese recht kurze Zeremonie zu finden ist gar nicht so einfach. Sicher würde sich ein Forschungsprojekt lohnen, das der Frage nachgeht, was genau in welcher Besetzung wie oft an deutschen Standesämtern dafür ausgewählt wird. Datenschutzbedenken würde es dazu wohl nicht geben.

Wir entschieden uns nach kurzer Bedenkzeit für den Pianisten Sofiane Pamart, auf den ich durch mindestens ein auf Arte aufgezeichnetes Konzert 2022 oder 2023 aufmerksam wurde. Allein der Name wird allerdings schwer im Kollektivgedächtnis in Deutschland einen Platz finden, obwohl dessen Klaviermusik eindeutig als leicht hörbar für ein größeres Publikum eingestuft werden kann. Seine Zuschauerzahlen erreichen dabei fünfstellige Werte! Leicht konsumierbar ist er international bei einem besonders inszenierten Act während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris zu hören und sehen gewesen, als er auf der Seine im Regen an einem entflammten Flügel die Sängerin Juliette Armanet begleitete. Der ausgewählte Titel Imagine von John Lennon zeigt auch, dass Pamarts Musik die Fantasie steigern kann, wie es der Pianist auch für sich selbst einfordert. Seine Musik kann wohl der Neoklassik-Strömung zugeordnet werden: Manche würden sie als kitschig oder oberflächlich abtun, doch können manchmal eingängliche bzw. niedrigschwellige Klänge Vorrang haben.

Sofiane Pamart, geboren 1990, ist seit 2024 Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres. Er ist also in Frankreich bereits zum Ritter geschlagen worden! Er wuchs bei Lille in Nordfrankreich in einer aus Marokko eingewanderten Familie auf und absolvierte mit Auszeichnung ein Klavierstudium am Konservatorium in Lille. Sein schillerndes Auftreten – „er spricht die Sprache der Mode genauso fließend wie die Sprache der Musik“, wie es im SWR heißt – steigert sicherlich die öffentliche Aufmerksamkeit für ihn. Ab spätestens 2023 machte er zudem einen „Imagewandel“ vom Rap-Künstler zum (Neo-)Klassikpianisten durch.  

Schwierig fiel die Entscheidung, welche fünf Stücke in welcher Reihenfolge wir schließlich auswählen würden (es hätten auch weniger ausgereicht). Eine gewisse Logik sollte hier auch erkennbar sein, auch wenn sie (musik-)dramaturgisch etwas an den Haaren herbeigezogen sein würde. Außenstehende können mit der Titelliste nicht viel anfangen:

  • Tiempo (aus dem Album Noche)
  • Alaska (aus dem Album Planet)
  • Planet (aus dem gleichnamigen Album)
  • Madagascar (aus dem Album Planet)
  • Vera (aus dem Album Noche)

Besonders Alaska gefällt mir sehr gut. Aus diesem Titel kann man leicht das Kristalline heraushören, das mich schnell an eine verschneite Landschaft erinnert. Im Grunde bietet die Musik, weil sie eben nicht allzu komplex ist, genug gedankliche Freiräume, warum sie sich in meinen Augen auch besonders als Hintergrundmusik eignet, der man nicht allzu viel Beachtung schenken muss.

Traditionell sieht der Anlass nicht vor, Erläuterungen zu dieser Musikauswahl zu geben. Letztlich handelt es sich um wohltemperiertes Hintergrundrauschen, das zudem auch noch unvollständig erklingt. Wer aufdreht, kann leicht auch wieder abdrehen, so wie es die jeweilige Situation erfordert. Während drei ausgewählte Titel die Raumachse widerspiegeln, erinnern zwei Titel (Tiempo, Vera) an die Zeitachse. Oder anders gefasst: Egal, wohin die Liebe auf diesem Planet fällt, sollte man an ihre Beständigkeit ohne Ablaufdatum glauben.

Am Tag der Trauung gab es mit dem Datenträger, einem gewöhnlichen USB-Stick, noch technische Probleme im Standesamt, so dass die Rettung das Handy war, auf dem die Songdateien auch vorlagen. Leider stand ein gewöhnlicher CD-Player nicht zur Verfügung; mit ihm wäre es tendenziell einfacher gewesen, da wir Wert darauf legten, nicht einfach bei Amazon einzelne Stücke zu kaufen. Ein ganzes Album zu besitzen stellt doch vor allem aus Künstlerperspektive die bessere Entscheidung dar. Wer also Sofiane Pamarts Musik in einer Veranstaltung einbauen möchte, dem sei ein mehrfaches Anhören seiner Werke empfohlen. Ich habe Verständnis für jeden, der darin Kitsch(-potenzial) sieht, doch gerade bei Sofiane Pamart gilt: In Maßen genießen! Wer das richtige Maß nicht findet, der wird sich an den Klängen schnell satthören; und Sättigung sollte eher bei einem wohlschmeckenden (Hochzeits-)Mahl erfolgen!

Sofiane Pamart ist 2026 sowohl in der Berliner Philharmonie  (31. März) als auch in der Elbphilharmonie in Hamburg (30. April) zu hören. Der Südwestfunk hat ihm einen knapp einstündigen Radiobeitrag gewidmet. Auf der Homepage des Kulturkaufhauses Dussmann lassen sich die beiden Alben Planet und Noche bestellen. Ein Arte-Mitschnitt seines Konzertes im Hôtel de la Marine 2022 ist lohnenswert. Das Stück Alaska lässt sich hier anhören.

Versuch über die Sonntagseinsamkeit

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Auf dem Streifzug durch die imposante Sonderausstellung Edvard Munch. Angst in den Kunstsammlungen Chemnitz ist mir ein Werk einer Künstlerin aus der gleichen Epoche besonders in Erinnerung geblieben:

Werefkin: Sonntagnachmittag

Das Bild passt sicher nicht direkt zum Angst-Motiv, das Edvard Munchs Werk besonders prägt. Eher lässt sich daraus eine gewisse Einsamkeit herauslesen, die ebenfalls bei Munch eine große Rolle spielt.  In den eigenen vier Wänden kam mir der Gedanke, dieses Gefühl mit dem siebten bzw. ersten Tag der Woche zu verknüpfen, so dass ‚Sonntagseinsamkeit’ entsteht.

Aus dem 19. Jahrhundert sind mir die Begriffe Waldeinsamkeit und Feldeinsamkeit begegnet. Waldeinsamkeit (1851) ist der Titel eines längeren Gedichts von Heinrich Heine (1797 – 1856); Hermann Allmers (1821-1902) betitelte ein zweistrophiges Gedicht mit Feldeinsamkeit (1860). Es wurde 1882 von Johannes Brahms (1833-1897) vertont (op. 86). Beide Begriffe lassen sich kaum übersetzen, vermitteln sie doch ein Gefühl, das viel komplexer ist als einfach nur Einsamkeit. Während bei Allmers das lyrische Ich im „hohen grünen Gras“ ruht und sich „von Himmelbläue wundersam umwoben“ fühlt, klingen bei Heine freudlose Töne an, da die wundersame Traumwelt sich bei seinem lyrischen Ich nicht mehr einzustellen vermag. Es beklagt die Abwesenheit von Feen und „Alräunchen“, gewissen „Waldgeistern“, die ein „fingerlanges Greisengeschlecht“ kennzeichnet, was eine gewisse Trostlosigkeit erzeugt:

Es glotzen mich an unheimlich blöde
Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde,
Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm.
Ich gehe gebückt im Wald herum.

Diese Strophe könnte die Brücke zum Gemälde von Magdalene von Werefkin schlagen, in dem auch der Blick hin zum blauen Horizont eher öde zu sein scheint. Die drei Personen, die man erkennen kann, blicken scheinbar den geschrägten Raum hinauf, wobei die meisten Betrachter an einen Wirtshausbesuch mitten in der Natur denken würden. Dort herrscht oft ein geselliges Treiben, wovon im Bild nicht die Rede sein kann. Und doch fände ich es nicht zutreffend, die auf dem Bild spürbare Einsamkeit ähnlich wie bei Edvard Munch ausschließlich als negativ zu interpretieren. Ich stelle mir von Werefkin, deren fast drei Jahrzehnte währende Beziehung zum Maler Alexej von Jawlensky alles andere als harmonisch war, ähnlich wie andere expressionistische Maler in der Natur vor. Hilft beim Entstehungsprozess eines Werkes nicht auch eine gewisse Einsamkeit? Und gab ein Motiv nicht eine bestimme Perspektive vor, die auch am Sonntagsnachmittag mehr als deutlich erkennbar ist?

Aus dem Werk lässt sich eine gewisse Leere (aufgrund der unbesetzten Tische) herausinterpretieren, doch ist es nicht auch faszinierend, sie so dargestellt zu empfinden? Der Himmel und die drei betrachteten Personen geben eine gewisse Blickrichtung vor, die für mich auch eine Sehnsucht nach etwas ausdrückt, die wir weder in Worte noch in Objekten fassen können.  Womöglich macht sich dieses Sehnen am Sonntagnachmittag am ehesten bemerkbar, das weder kaschiert noch kompensiert werden kann.

Interessant ist, dass Sonntagnachmittag eine recht präzise Zeitangabe ist, während ‚Wald’ und ‚Feld’ eher unpräzise Verortungen darstellen. Das Wort ‚Wald’ wird bei einem Nordeuropäer ganz andere Assoziationen aufrufen als bei einem Nordafrikaner, während man beim Sonntagnachmittag ein einheitlicheres Maß anlegen kann. Denn die meisten Menschen, egal wo sie herkommen, können recht genau sagen, was sie gerne an einem für sie persönlich arbeitsfreien Sonntagnachmittag tun. So finde ich den Titel Sonntagnachmittag geschickt gewählt.

Als ich am 01. November nachmittags im Radio zufällig hörte, dass die Wartezeiten für Autofahrer an der deutsch-niederländischen Grenze auf der Fahrt zu den offenen „Einkaufszentren“ in unserem Nachbarland bis zu einer Stunde betrugen, war mir klar, dass man den Drang, an einem Feiertag unbedingt zum Shoppen ins Ausland fahren zu wollen, zumindest teilweise mit dem Gefühl der Sonntagseinsamkeit erklären kann, wenn man den Sonntag analog zu Allerheiligen als Feiertag betrachtet. Wenn die meisten Geschäfte hierzulande meist geschlossen sind, bleibt neben dem Ausflug nicht viel mehr als innere Einkehr daheim, sollten nicht praktische Dinge wie Aufräumen, Saubermachen etc. den freien Tag zu sehr prägen. Ein Ausflug will anders als das Einkaufen gut organisiert sein. Körperliche Bewegungen sowie Neuentdeckungen können auch als anstrengend aufgefasst werden, wohingegen das Eintauchen in die Warenwelt womöglich eine erfolgreiche Schnäppchenjagd ermöglicht, die die gefühlte Leere materiell füllen kann.

Mir gefällt die Zeitlosigkeit dieses Werkes mit konkreter Zeitangabe. Das Ausbrechen aus der Arbeitsroutine und dem Alltag kann am ehesten am Sonntag stattfinden, das als Ruhetag auch im 21. Jahrhundert Potenzial bietet: Denn besonders in sinnentleerten Umgebungen können neue Gedanken-Räume entstehen und sinnvoll gefüllt werden.

Familiengeschichte einmal anders: Über ein saugendes Mysterium

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Als ich vor einer guten Woche auf der Suche nach einem Sebo-Händler im Umkreis von Chemnitz war, um an passende Staubsaugerbeutel zu geraten, kam mir wieder die Familienbiografie von Meir Shalev (1948 – 2023) in den Sinn. Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger stellt ein quasi mystisches Objekt in den Vordergrund, das seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so gut wie alle Haushalte eroberte. Heutzutage spricht man weiterhin über dieses nützliche Gerät, gerade wenn es um den Saugroboter geht.

Die Kapitel 18-23 sind für mich die amüsantesten in diesem Buch, das den Leser an die Welt in einem Moshaw (oder Moshav) heranführt, einer „genossenschaftlich organisierte Siedlungsform“ in Israel, die anders als ein Kibbuz Privatbesitz zulässt.  Jenes real existierende Moshaw heißt Nahalal, gut 100 Kilometer nördlich von Tel Aviv, etwa auf der Höhe der zweitgrößten Stadt Haifa gelegen. Man kann sich leicht vorstellen, wie befremdlich ein aus den USA importierter Staubsauger namens Sweeper gewirkt haben muss. Das dazu passende Zitat steht am Anfang des 20. Kapitels:

Das gleißende Chromglitzern, die Rundungen des Gehäuses, die großen Räder, die auf Scheu vor Arbeit und Anstrengung schließen ließen – all das vertrug sich nicht mit den Prinzipien des Moschaws und seinen Werten, und die Genossen bissen die Zähne zusammen und unterdrückten eisern jedes aufkeimende Verlangen.

Protagonisten sind neben Großmutter Tonia die beiden Onkel des Erzählers, der Schenker Onkel Jeschajahu und der Beschenkte Onkel Jizchak, der den Staubsauger in den Dienst stellt, nicht ohne zu prüfen, ob das Gerät „mit dem Stromnetz der britischen Mandatsverwaltung kompatibel“ war.

Verdacht schöpft Tonia, als sie die vom Sweeper bewirkte „absolute und mühelose Sauberkeit“ zur Kenntnis nahm. Zwei entscheidende Fragen stellen sich dabei: „Wo steckte der Staub, den ihr Staubsauger aufgesaugt hatte? Wo war der weggeputzte Dreck?“ So wird daraus ein wahrhaftiges „Mysterium“! Das klingt vergleichsweise harmlos:  Ein Staubsauger könnte sich auch als „trojanisches Pferd“ oder auch als „Kollaborateur“ entpuppen, wie der Erzähler uns zu verstehen gibt.  Was für Verschwörungstheorien daraus entstehen können! Hier wird schön ersichtlich, was ein Romancier aus einer Familiengeschichte machen kann, nämlich sie mit Wortwitz anreichern. Shalev ist das zweifelsohne 2009 mit dieser Veröffentlichung gelungen.

Das Geheimnis lüftet Onkel Jizchak, als er den Staubsauger öffnete:

In seinem Innern sah man allerlei Düsen und Walzen und Treibriemen und Transmissionen, und Staub und Dreck, und in der Mitte – hässlich, abstoßend und ekelhaft wie ein geblähter Krötenkadaver – ein prallvoller Stoffbeutel.

Großmutter Tonia lässt es sich nicht nehmen, noch näher an die Materie heranzurücken: Sie sieht „grauen Staub“, „tote Insekten“, „Menschenhaare, winzige Essenskrümel“; all das reichte aus, um ein Argument zu finden, den Sweeper  in vier verschiedene Materialien (Stoffsack, Karton, Leintuch, Wolldecke) zu verpacken, damit nicht der geringste Dreck aus ihm je wieder entweichen möge. Und die Lagerung soll ausgerechnet in einem Badezimmer erfolgen, in das der Erzähler keinen Zutritt hatte! Angeblich verblieb das Gerät darin „vierzig Jahre“. Was für eine lange Zeit!

Auch die Verpackung wirkt besonders für die Großmutter Tonia obszön. Sichtbar ist

dem Anschein nach eine gewöhnlich amerikanische Hausfrau, in Wirklichkeit – der Teufel in Frauengestalt: die Lippen rot geschminkt, ein rotes Kleid mit weißen Tupfen am Leib, schmale Taille, üppiger Busen und kecker Po, dazu rotlackierte Nägel. (…) Schier alles an ihr zeugte von Verwöhntheit und Gefallsucht, Leichtsinn, Hedonismus und der Vergötterung des Privateigentums.

Das konnte unter den Dorfbewohnern nur Entrüstung hervorrufen! Die Vergötterung von Objekten ist ganz klar blasphemisch und kann nicht gut geheißen werden!

Allgemeine Fun Facts zum Staubsauger erfährt der Leser ebenfalls: Ein gewisser James Spangler erfand die erste elektrische Version (nach den vorsintflutlichen Modellen des 19.Jahrhunderts), die nicht viel mehr als  „einen Besenstil, einen elektrischen  Ventilator und einen Kissenbezug“ umfasste. Da erst ein kaufinteressiertes Ehepaar mit dem klingenden Nachnamen Hoover sich die Patentrechte sicherte, klingt bis zum heutigen Tage ein Innovator und kein Erfinder nach.

Heute würde ein solches Buch nicht mehr geschrieben werden. Die Vertriebswege haben sich eindeutig revolutioniert. Auch bei meinem trivialen Beutel-Kauf: Schließlich kam ich über eine Online-Bestellung sehr schnell an die gesuchten Objekte, auch wenn ich etwas bedauere, damit indirekt den guten alten Einzelhandel hintergangen zu haben. Doch lohnt es sich, mindestens 10 km Umweg für ihn in Kauf zu nehmen? Sei’s drum. Ich bin froh, dass ich dank Meirs Shalev jeden Saugvorgang mit dem Gedanken an eine besondere zivilisatorischen Errungenschaft auf mich nehme.  

Das 2011 in deutscher Übersetzung erschienene Buch kann beim Diogenes Verlag problemlos bestellt werden. Die längeren Zitate sind auf den Seiten 165, 179 und 202 zu finden.

Fantastisch lügen – Über einen wundersamen Reiseroman

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Im Februar 2025 wurde die Hartmann-Fabrik in Chemnitz eröffnet. Ein ehrwürdiger ehemaliger Bau, wo von den 1860er Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg von der Firma Sächsische Maschinenfabrik AG Dampflokomotiven hergestellt wurden (die Firma gab es in Chemnitz schon seit 1848!). In diesem Jahr dient er als Besucher- und Informationszentrum für die Kulturhauptstadt 2025. Viel gibt es darin (noch) nicht zu sehen; mir gefällt jedoch die Ruhe und die Möglichkeit, dort einige Minuten innezuhalten. Als ich mir zum ersten Mal diesen Ort ansah, fielen mir einige Bücher auf, die am Empfang passend zur Kulturhauptstadt zusammengestellt worden waren. Ein Titel und ein hellblaues Cover fielen mir besonders in die Augen – sogleich bestellte ich es in der sehr gut sortierten Buchhandlung Lessing und Kompanie auf dem Chemnitzer Kaßberg.

Irmtraud Morgners Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers sind sicher eine Perle der phantastischen Literatur aus DDR-Zeiten. Es wird nicht leicht gewesen sein, diesen Roman im Jahr 1972 zu veröffentlichen, da er auch ein Stück chiffrierte Realsatire ist. 1933 ist Irmtraud Morgner in Chemnitz geboren; im Roman wird als realer Ort explizit der Chemnitzer Stadtteil Hilbersdorf mit seinem „Bahnbetriebswerk“ (im Buch ist ganz zu Anfang von „C.“ die Rede) genannt: Hilbersdorf ist übrigens zugleich Standort eines exzellenten Eisenbahnmuseums, das auch als Schauplatz Eisenbahn beworben wird.

Am 20.09. hatte ich die Gelegenheit, aus diesem Buch einige Seiten auf der 2. Büchernacht im Dachgeschoss des Renaissanceschlosses Ponitz bei Altenburg vorzulesen. So merkte ich einmal mehr, wie stark dieses Buch ist, das 2006 im Verbrecher Verlag Leipzig neu aufgelegt wurde. Dass sich im Schloss, das zur Finanzierung der Restaurierung ein großes Antiquariat vorhält, eine DDR-Ausgabe aus dem Jahr 1982 befand, war natürlich eine herrliche Pointe. Es wurde mir als kleines Dankeschön in die Hände gelegt: Ganz gewiss wird es auch auf Reisen gehen, um weitere Lesefreude zu bereiten! Und dass an einem Tag, als nicht nur in Sachsen 200 Jahre Eisenbahn gefeiert wurde…

Veranstaltungsticket
Tagesticket für eine ganze Familie für die Feierlichkeiten zu „200 Jahre Eisenbahn in Europa“

Ganz besonders gelungen ist die Fiktion in der Fiktion: Bevor Gustav über seine Weltreisen erzählt, kommt eine Verfasserin namens Bela H. zu Wort; nach den erzählten Weltreisen ist ein Nachwort der Herausgeberin „Dr. phil. Beate Heidenreich“ abgedruckt. Als ob also Irmtraud Morgner keine Zeile in diesem Buch geschrieben hätte! So spielt das Buch auch als Produkt mit Vorspiegelungen falscher Tatsachen.

Aus der Deutschen Biografie wissen wir, dass Irmtraud Morgners Großvater wie ihr Vater tatsächlich Lokführer war.  So wird sie sich in Hilbersdorf sicher ausgekannt haben. Eisenbahnromantiker werden in dem Buch womöglich bitter enttäuscht: Die Lüge wird zum Leitmotiv des ganzen Romans. Der Leser muss um die Ecke denken, beispielsweise, wenn es im Vorwort heißt:

Großvater Gustav war von Kultur ein Lügner, nicht von Natur. In ihm arbeitete die Schöpferkraft der Machtlosen. Zu ungeduldig, um warten zu können, eignete er sich die Welt an, bevor sie ihm errungen war. Eine legendäre Gestalt.

In diesen Sätzen steckt schon eine Menge Wucht. Die Mikroebene – der Machtlose – prallt auf die Makroebene – die Welt. Es entsteht ein Universum, das es so nicht geben kann und ausschließlich in den Worten des Erzählers enthalten ist. Jener Ich-Erzähler, Gustav der Weltfahrer, hat einen Zuhörer im Text, und zwar Gustav der Schrofelfahrer, was auch ein kluges Konstrukt ist: Denn er kann einer Person berichten, die „bei der städtischen Müllabfuhr“ angestellt ist, und ihn aus dem Vertrauten in ganz unbekannte Gefilde entführen.

Eine ganz besondere Stellung nimmt in den Erzählungen die „Hulda“ ein, des Weltfahrers Name für sein Gefährt, mit dem er die Weltreisen antritt, als er das Rentenalter erreicht hatte (erinnert sei hier an die in der DDR gewährte Reisefreiheit für diese Bevölkerungsgruppe). Seine Sammlung im Keller hat er auf „Schrottplätzen des Bahnbetriebswerks, in Steinbrüchen, auf Müllhalden und auf der Straße“ zusammengetragen. Kurzzeitig verhaftet wurde er, als er „im Führerhaus einer auf dem Lokfriedhof abgestellten XH1-Schnellzuglokomotive entdeckt“ wurde. Nun wird die staatlichen Bürokratie aufs Korn genommen: Trotz vorgelegtem „Kaufvertragsentwurf mit einem nach dem Schrottwert berechnetem Preisangebot“ erhält er keine Erlaubnis, sich diese anzueignen, wohl aber für den Ankauf einer „YII T Naßdampftenderlokomotive, Baujahr 1886, aus den Schrottbeständen der Deutschen Reichsbahn für private Zwecke“ mit der Vorgabe, „die Schienenwege innerhalb der Staatsgrenzen der Deutschen Demokratischen Republik nicht zu benutzen“. Man kann hier nicht verkennen, dass Gustav sich als waschechter Eisenbahner inszeniert, doch statt ihn realistisch abzubilden, sucht Irmtraud Morgner alias Bele H. die Flucht in eine imaginierte Welt, die Fetzen der Realität enthält. Dass auf der vierten Reise die Lokomotive über den Ozean und den Amazonas schippert und auf der siebten Reise sogar in den Weltraum geschossen wird, ist einfach vergnüglich zu lesen: Morgners Roman hebt einfach buchstäblich von der biederen Wirklichkeit ab!

Was mir an Gustav imponiert ist seine Neugier an der Welt. Jede Reise endet mit der Heimkehr, jede neue Reise mit einem Gefühl von Fernweh, abseits einer „Rentnerbrigade“ und eines „Veteranenclubs“. Geschildert wird jedoch keine Utopie, kein Traumland, sondern eine Welt voller Abgründe und Absurditäten, die voller Phantasie ist und trotzdem auf realen Welterfahrungen beruht. Das Rätselhafte bleibt im Vordergrund; der Leser wird sozusagen in fremde Welten „entführt“, was zu einem verstörenden Lesevergnügen führt, denn: Auch die Reiseliteratur steht für das Lügenhafte – irgendwie scheint sich auch der Erzähler Gustav über seine Erzählstränge lustig zu machen, genauso wie der übergeordnete Erzähler, der mit dem kurzen Satz „Also sprach Gustav der Weltfahrer“ jeweils am Ende der Reisen noch urkomisch die Erzählumgebung und -umstände der beiden Gustavs schildert, auch mal Gustav den Schrofelfahrer zu Wort kommen lässt und die eine oder andere Aussage der Dialogpartner kommentiert. So wird eine weitere Textebene eingezogen.

Das Buch würde sich für eine abendfüllende Lesung mit biografischen und literaturwissenschaftlichen Erkundungen lohnen – ganz sicher auch an so einem wunderschönen und zugleich wundersamen Ort wie dem Renaissanceschloss Ponitz!

Vielen Dank an den Förderverein Renaissanceschloss Ponitz für die schöne Gelegenheit, diesen phantastischen und zugleich in vielen Belangen verrückten Roman zu später Stunde vorzustellen. Das Buch kann beim Verbrecher Verlag bestellt werden. Die längeren Zitate finden sich in dieser Ausgabe auf den Seiten 8 und 15-18.

Der Liebesbrief im Lied – Coralie Cléments „Salle des pas perdus“

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Eines der spektakulärsten analogen Fundgruben in Deutschland ist sicher das Liebesbriefarchiv, das sich in Darmstadt und Koblenz befindet. Seit Ende der 1990er Jahre erschließt die Forschung diese besonderen Textdokumente. Gefördert hat die öffentliche Hand das eine oder andere große Projekt, um Wissensbestände – nach und nach digitalisiert –  nicht nur sichern, auch auszuwerten. Sogenanntes bürgerwissenschaftliches Engagement (Citizen Science) ist dabei eminent wichtig.

In einem (digitalen) Spezialarchiv, nämlich in einem Liebesbrief-Liedarchiv wäre das Lied Salle des Pas Perdus von Coralie Clément gut aufgehoben, das auf dem gleichnamigen Album von 2001 zu finden ist. Alle Lieder dieses Albums, mögen sie auch noch so unterschiedlich sein, würden ebenso bestens als Hintergrundbeschallung in einem französischen Bistro passen. Das Lied Le Jazz et le Gin sticht für mich akustisch heraus; besser könnte man Musik und Genuss nicht ineinander verschmelzen lassen.

Doch zurück zu dem deutlich leiser und schlichter instrumentierten Lied, das jedoch einen sehr auffälligen Titel hat. Auf Deutsche kann man Salle des Pas Perdus recht schnöde als Wartesaal und noch schnöder als Wartebereich übersetzen. Eine komplexe Vokabel bestehend aus vier Einzelwörtern, die im Deutschen in einem Begriff (aus zwei Teilen) münden. Wörtlich evoziert der Saal der verlorenen Schritte gewissermaßen ein Kopfkino, das zu einer Bahnfahrt in heutigen Tagen kaum noch passt. Ich stelle mir jedenfalls einen großen, schön eingerichteten Raum vor, in dem Fahrgäste hin- und herhuschen und ein Wispern zu hören ist. Smartphones sehe ich nicht vor meinem inneren Auge, und erst recht keine Kopfhörer. Also ein Bild aus der Vergangenheit. Und ein Liebesbrief würde in dieser Form wohl auch nur noch sehr selten geschrieben werden. Das Lied als Liebesbrief ist einerseits unauffällig vorgetragen (ähnlich unspektakulär wie ein Rezitativ aus einer Oper), andererseits jedoch höchst kreativ getextet. Es geht nämlich um eine attraktive junge Person, der das Sängerin-Ich in einem Wartesaal und zugleich auf dem Treppenabsatz im Hausflur begegnet ist. Sie seien wohl seit Mai Nachbarn. Ein Liebesimpuls reicht aus, um solchen einen Brief zu schreiben, und noch schöner, ihn vorzusingen.

Im Brief wird erwähnt, dass der Angeschriebene zwar den Namen der Autorin nicht kennt, wohl aber den Duft ihres Parfums. Der Kopfbahnhof Saint Lazare in Paris wird als Ort erwähnt, wo jener neue Nachbar mit einer weiteren Unbekannten, ihre Gitarre tragend, gesichtet wurde (‚Lazare’ reimt sich schön auf ‚guitare’).  So ist es ein gewisses Wagnis, ihr zu schreiben, dass er ihre „Flamme“ sei und dass sie bedauert, ihr nicht bis zum Gleis gefolgt zu sein. Sie schließt den Brief mit der kühnen Ankündigung, dass sie im Café gegenüber auf ihn abends um viertel vor zehn wartet:

Je serai à la terrasse
Du café d’en face
Ce soir à dix heures moins le quart.

Nun kann sich ein weiteres Kopfkino anschließen. Ob der Nachbar die Einladung akzeptiert? Romantischer könnte man jedenfalls kaum ein Date arrangieren.

Die Grußformel bildet mit dem Vornamen einen Reim: „Bien à vous. Lou“. Ohne Nachspiel verhallt der Song also kurz und knapp mit „Lou“.  So wird auch das formelle Ende des Schriftstücks auf das Musikstück übertragen, dessen Inhalt im Jahre 2025 schon als historisch zu bezeichnen ist, gerade in medialer Hinsicht. Das digitale Kennenlernen lag noch in den Kinderschuhen, als die Liedzeilen entstanden.

Wenn man die KI (perplexity.ai) nach Coralie Cléments Lied befragt, bekommt man erschreckend unrichtige Antworten serviert, was zeigt, wie fehlerhaft ohne Verstand interpretiert werden kann. „Eine fast flüsternde Interpretation“ sowie „intimes und poetisch-melancholisches Flair“ als Antwort auf die Frage, wie sich die Stimme der Sängerin im Vergleich zu anderen Songs unterscheidet, ist noch akzeptabel, doch dann heißt es:  „Im Vergleich zu anderen Songs, in denen sie oft melancholisch und verträumt singt, wirkt ihre Stimme hier noch zarter und verletzlicher.“ Hier gibt es keine klare Linie mehr: Wie kommt die künstliche Intelligenz auf „verletzlich“??

Die Bitte, das Lied kurz zu kommentieren, enthält folgenden Abschnitt:

Die Handlung spielt in einer Bahnstation – der „Salle des pas perdus“, ein typischer Wartesaal – und die Lyrics verwandeln das alltägliche Setting in eine melancholische Miniatur über verpasste Chancen und den Mut, Gefühle mitzuteilen. Das Stück ist im Stil des französischen Chanson gehalten und fängt mit sanfter Musik und verträumtem Gesang das nostalgische Flair Frankreichs ein, mit einem Hauch von Retro-Ästhetik. Insgesamt vermittelt der Song eine poetische Atmosphäre zwischen Alltag und Romantik, geprägt von Diskretion und Zurückhaltung.

Nun ja…so wird man dem Lied nicht gerecht. Der Kontext wird ausgeklammert, so dass man definitiv nicht von einer verpassten Chance sprechen kann. Und wie kann man auf so einen Humbug wie „nostalgisches Flair“ kommen? Damit werden Klischees reproduziert!

Auch hier wird deutlich: Ein genaueres Hinhören und Hinschauen lohnt sich, nicht zuletzt der gut komponierten Vokalmusik zuliebe!

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Texter des Liedes Coralie Cléments Bruder Benjamin Biolay und selbst recht bekannter Chansonnier ist. Das zweite Lied des Albums, L’Ombre et la Lumière (Licht und Schatten), ist genauso ein wohltuendes Hörerlebnis (wie Le jazz et le gin). Der nicht fehlerfrei wiedergegebene Text (dort steht „serais“ statt dem zitierten „serai“) findet sich zum Beispiel hier. Und auf Youtube gibt es eine Aufnahme des Liedes.

Ausgemalte Orte – Über ein intensives Konzerterlebnis

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Es gibt nicht viele Auftritte, bei denen der Ort des Geschehens und der Inhalt des (Gesang-)Vortrags so gut zusammenpassen wie jener von Line Bøgh (zusammen mit ihrem Partner Christian Gundtoft) im Garten des Kulturkinos Zwenkau.

Zwenkau liegt keine halbe Autostunde entfernt von der Leipziger Innenstadt. Mit dem Fahrrad lässt sich gut der Zwenkauer See erradeln. Die Fassade des Kulturkinos Zwenkau ist schon bei der Anfahrt ein echter Hingucker; von diesem Ort hatte ich noch nie etwas gehört, bis der mdr mich rechtzeitig auf diese sehr interessante Konzertveranstaltung aufmerksam machte.

Die beiden Künstler (zu zweit treten sie ganz einfach unter Linebug auf) sind vor einigen Jahren von Kopenhagen nach Zeitz ins südöstliche Sachsen-Anhalt gezogen. Natürlich fragen sich die meisten, warum sie diesen Schritt gegangen sind. Das Zwenkauer Konzert Mitte August beantwortete dies vor allem künstlerisch auf sehr überzeugende Art und Weise.

Die Songs sprühen vor Poesie, auch weil sie mit animierten Videos von Christian untermalt werden. Zu jedem Song zeichnete Christian zudem mit einem digitalen Stift auf die Leinwand die Namen der Orte, um die sich die Liedtexte drehen. Teils sind die Orte untergegangen, wie sie auch die Region rund um Zwenkau bezeugen kann, wo vor dem Braunkohletagebau bis in dei 1980er Jahre unter anderem die Ortschaft Eythra lag, teils laden sie zur Neuentdeckung ein, um verborgene oder vergessene Schönheiten wiederzufinden.

Beschreiben möchte ich näher Temporary Home ganz zu Beginn des Konzerts; dieser Song ist auch im Album  Portraits of Invisible Places erschienen. Er handelt ausführlicher über Zeitz, genauer gesagt über die Wahlheimat von Line und Christian.

Portraits of Invisible Places
Schallplatten-Cover des Albums Portraits of Invisible Places, gestaltet von Christian Gundtoft

Nach wenigen Sekunden spüre ich diesen Gänsehautmoment des Live-Erlebnisses; es ist wie eine Gefühlsdusche inmitten eines lauen Sommerabends. Warum bin ich so sehr von dieser Musik bewegt? Sicher ist es die Kombination aus Gesang und dem dazu erstellten Video, das im Grunde kein Musikvideo ist, sondern ein Zusammenschnitt aus Drohnen- und Archivaufnahmen und darin eingestreute Zeichnungen und Collagen, die bewusst das Farbenfrohe und Unbeschwerte einbringen, auch um das Schwarz-Weiß von Gestern bunter wirken zu lassen. Die Musik vermittelt die gebrochene, aber nicht zerbrochene Schönheit von Zeitz, die sich anders darstellt als eine Touristenhochburg. Vergangenheit und Gegenwart des Ortes werden bildlich und gesanglich aufgesucht und in einen versöhnlichen Kontext gestellt: Die Hinterlassenschaften einer de facto versunkenen Zeit werden wundersam vergegenwärtigt. „Invisible“ könnte man hier mit „verborgen“ etwas freier übersetzen.  Anstatt eine vorgetäuschte Nostalgie oder eher Wehmut nachzuahmen, geht es Linebug um die Sicht zweier Außenstehenden auf Zeitz. Herausgekommen ist eine „Hommage an alle Menschen, die im Laufe ihres Lebens in Zeitz gelebt haben“, wie es auf der Homepage heißt. Es ist sicher kein Mythos, dass zu DDR-Zeiten Zeitz (ähnlich wie vergleichbare Städte in Mitteldeutschland) belebter wirkte. Das lässt sich leicht erklären, lag doch die Stadt am Rande eines großen Braunkohlereviers und vieler Industrieanlagen, von denen nur noch wenige in Betrieb sind. Viele Arbeitskräfte wurden gebraucht, auch weil die Produktivität im Vergleich zu heute viel geringer war. Also ist die gefühlte Leere in Zeitz auch das Resultat tiefgreifender ökonomischer Veränderungen, die eben nicht nur Vorteile gebracht hat. Doch für Freiheitsliebhaber ist Zeitz womöglich die bessere Wahl als eine Großstadt mit vielen verzweifelten Wohnungssuchenden. Attraktivität lässt sich zum Glück nicht auf einen Nenner bringen. Auf jeden Fall ist Zeitz das Gegenmodell zu einer durchorganisierten Stadt. Für Traumwandler wie Linebug genau das Richtige!

Die Tourdaten von Linebug zeigen auch schön, dass sie auch in Westdeutschland und auch in den Niederlanden und Belgien gebucht werden. Es lohnt sich sehr, das gesamte Video zu Temporary Home anzuschauen. Digital und in der Vinyl-Version kann man auch das und ein weiteres Album (Fast changing landscapes) erwerben. Die Collagen und Zeichnungen von Christian lassen sich hier anschauen; natürlich sind auch Anfragen möglich. Eine Albumrezension in englischer Sprache findet sich hier.

Rundumschlag: Über den Roman „Ohrfeige“ von Abbas Khider

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Es hat sich gelohnt, gleich drei Romane von Abbas Khider gelesen zu haben. Genauer habe ich mir neben Brief in die Auberginenrepublik, wovon ich im Juli berichtete, Ohrfeige angeschaut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Roman zum weitumspannenden Thema Integration viele in der Öffentlichkeit weniger beleuchtete Aspekte ans Tageslicht fördert.

Akustisch hallt der Text nach, gerade dann, wenn man beruflich mit Minderheiten in der Gesellschaft zu tun hat. Khider, von dem ich bereits in einem anderen Artikel berichtete, schildert darin missglückte Integrationsgeschichten, die in einem Zeitraum angesiedelt sind, in dem noch keiner von „Willkommenskultur“ sprach bzw. schwafelte. Kein Wunder, dass der Autor dieses Wort auch nicht verwendet, obwohl er es gekannt haben muss, als er 2016 diesen Roman veröffentlichte.

Nachdem Schlepper und Schmuggler den Erzähler Karim Mensy aus dem Irak Anfang um das Jahr 2000 herum nach Europa führten, kommt er nicht wie geplant in Paris, sondern in Dachau an, wo er von der Polizei über seine Herkunft befragt und kurzfristig in einer „Gefängniszelle“ untergebracht wird. Weitere Stationen in Deutschland sind als Zwischenstation eine Matratzenunterkunft in Zirndorf bei Nürnberg, ein Asylantenheim mit Vier-Mann-Belegung in Bayreuth (auf dem Gelände des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, wo auch Anhörungen zur möglichen Anerkennung des Asylstatus stattfinden). Da es so gut wie keinen Kontakt zu Bürgern gibt, ist es auch unmöglich, „in einer Stadt mitten in Oberfranken Deutsch zu lernen, indem man irgendwelchen Passanten zuhört und hier und da ein paar Vokabeln aufschnappt“. Wer nur „mit den Polizeibeamten oder mit dem Wachpersonal im Heim“ spricht, wird dies eigentlich nicht erreichen können. Die einzige Deutsche, die vor Ort positiv gezeichnet wird, ist eine ehrenamtliche Caritas-Mitarbeiterin mit dem Allerweltsnamen Karin Schmitt.

Karims Sozialkontakte häufen sich während des Aufenthaltes im Asylantenheim in Niederhofen an der Donau, wohin er mit vielen Mitbewohnern ohne Angaben von Gründen transferiert wird. Dort trifft er auch auf Frau Schulz, die ihm den Job auf einem Recyclinghof vermittelt. Anschließend bekommt Karim das Recht, im etwas außerhalb gelegenen Obdachlosenheim zu wohnen, wo er auch Leistungen vom Sozialamt erhält. Gelegenheitsjobs in einer Eisenfirma, einer Shampoo- und in einer Reinigungsfirma, von einer Zeitarbeitsfirma organisiert, folgen.

Die letzte Station in Deutschland, wo er sich „drei Jahre und vier Monate aufhält“, ist ein Obdachlosenheim in München, von wo er seinen ehemaligen Mitbewohner und Landsmann Salim in der Psychiatrie besucht. Karim lebt weiter in einer Schwarzmarkt-Welt zusammen mit seinem Arbeitsvermittler Abu Layla, der „akzentfrei Türkisch, Griechisch und Deutsch spricht“, sowie von seinem Chef Kostas aus Griechenland auf mehreren Baustellen, wo er sich dem Zugriff des Arbeitsamts entziehen kann. Mit einem Schlepper plant er schließlich nach Finnland weiterzuziehen, was der Leser am Anfang und am Ende des Romans erfährt.   

Drei Kostproben aus Ohrfeige zeigen, wie Frustrationserlebnisse in Worte gefasst werden können. Man kann sich überlegen, inwiefern sie auch in der Mehrheitsgesellschaft vorkommen können. Fehlende Anerkennung ist das Stichwort. Der unerklärte Status über Jahre hinweg macht auch deswegen betroffen, weil in vielen Fällen zumindest die Würde des Menschen angekratzt wird. Dies betrifft auch Rivalitäten und Auseinandersetzungen zwischen den Flüchtlingen, deren Ursachen in einer ungeklärten Rolle im Dasein liegen: es ist offenkundig so, dass ein Gastland wie Deutschland nur einige der vielen „verlorenen Seelen“ retten kann. Ohrfeige ist ein Buch, in dem diese Rettung gründlich misslingt.   

1. Tonfall

Viele Abschnitte des Romans sind in der Sie-Form (mit großem S) geschrieben, was ungewöhnlich ist. Angeredet wird über weite Strecken vom Ich-Erzähler Karim Mensy die Integrationsbeauftragte in der Ausländerbehörde (Frau Schulz), der er seine Lebensgeschichte vor der Flucht erzählt, in der ihn vor allem eine in Deutschland diagnostizierte „Gynäkomastie“ (Vergrößerung der Brustdrüsen) plagt:  

Sie, Frau Schulz, gehören zu jenen, die hier darüber entscheiden, auf welche Weite ich existieren darf oder soll. Stellen Sie sich einmal vor, in meiner Position zu sein. Würden Sie nicht gern wissen, wie diese gottesgleiche Figur mit Vornamen heißt? Jene Person, die Ihr Leben nach eigenem Gutdünken paradiesisch oder höllisch gestalten kann? […] Immer wieder fuchtelten Sie mit Ihrem spitzen Füller in der Luft herum, als würden Sie Fliegen erstechen. Und mit dem Gewicht Ihres übertrieben großen Stempels erdrückten Sie Hoffnungen. Wie der Hammer eines Richters krachte er auf Ihren Tisch. […] Ich war Ihnen ausgeliefert. Aber wie ein mythischer Held habe ich mich erhoben und den Olymp erstürmt. Und ich werde Sie bald zurücklassen in Ihrem kleinen Beamtenstübchen.

Diese Perspektive wirkt bedrückend, weil über eine gescheiterte Integration berichtet wird, was in den realen Dialogen zwischen Karim und Frau Schulz zuvor so nicht möglich gewesen wäre. Dies ist eine Stärke der Literatur, dass sie diese Innenschau über einen fingierten Monolog offenbart. Und nun frage ich mich als Leser, ob man die wirkliche Welt von Flüchtlingen, die ähnliche Integrationsversuche unternehmen, überhaupt begreifen kann. Man liest öfter von Duldungen und Abschiebungen, ohne genauer von jenen Einzelschicksalen zu erfahren. Viele reale Geschichten laufen im Verborgenen ab.

2. Spracherwerb

Auch das Deutschlernen ist eine harte Herausforderung, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen muss Karim hohe Hürden bei Zugangsvoraussetzungen von Bildungsangeboten in Kauf nehmen:

Ich sollte zwei Semester lang ein Studienkolleg besuchen, um das deutsche Abitur nachzuholen, bevor ich studieren durfte. Um die Zulassung zum Kolleg zu erhalten, musste man wiederum eine Prüfung ablegen. Um diese Prüfung schreiben zu können, brauchte ich allerdings ein Sprachzeugnis, nämlich die zentrale Mittelstufenprüfung des Goethe-Instituts. Also Kurse auf dem Sprachniveau A1-B2, mit Extravorbereitungskursen für die Prüfung im Goethe-Institut selbst oder in einer anderen Sprachschule. Die Vorbereitung auf die Zulassungsprüfung für das Studienkolleg würde so mindestens zwölf Monate dauern und ein Vermögen kosten.

Zum anderen wird mangels geeigneter Gesprächspartner die „BILD“-Zeitung als „perfekt zum Deutschlernen“ bezeichnet (bevor die für ihn unverständlichere Süddeutsche Zeitung zum Einsatz kommt). Neben der Sprachbarriere gibt es also Sprachlernbarrieren, die man nur schwer überwinden kann, wenn andere Ressourcen fehlen. Auch aus diesem Grund kann Integration gründlich misslingen.

3. Prekariat

Zuletzt kommt ein Beispiel aus dem Erwerbsleben. Folgende Passage las ich an einem Junitag, als ich zufällig wenige Stunden zuvor am Rande der Stadt einen Wertstoffhof aufsuchte, der als einer der isoliertesten Arbeitsorte gelten kann:

Der Wertstoffhof lag am Stadtrand. Es war ein großer Platz, umzäunt von Blechwänden. Darauf standen viele unterschiedliche Müllcontainer. In der Mitte des Grundstückes gab es einen Wohncontainer, in dem die Mitarbeiter ihre Pausen verbringen konnten. Eine kleine Küche und ein Klo gab es auch. Es war schwierig, mit den vier netten Angestellten auf Bayerisch zu kommunizieren, aber sie waren schon daran gewöhnt, mit Typen wie mir zusammenzuarbeiten. […] Ich sortierte Abfälle, Papier und anderes Zeug in den Container ein. Im Allgemeinen brauchte es für die Arbeit nicht viel Wissen. Ich musste nur ein paar Wörter und Sätze lernen, die ich dann ständig wieder verwendete: Wo soll das hin? Plastik oder Restmüll? Danke. Bitte. Hallo. Auf Wiedersehen. Aus diesen Bausteinen baute ich meine Sätze, ich recycelte und sortierte die Vokabeln genauso wie den Müll.

Gerade nach dem zweiten Lesen dieser Textstelle fühle ich mich betroffen. Denn ich wüsste genau, dass ich schon nach wenigen Tagen bei diesen Hürden in einem fremden Land  wahrscheinlich innerlich verzweifeln würde. Nun kann ich Geschichten vom Scheitern besser verstehen; und auch so eigene Misserfolge einfacher eingestehen.

Die längeren Zitate stehen auf Seite 11, Seite S. 152f und Seite 160. Auf der Homepage des Hanser-Verlags lässt sich das Buch bestellen.

Betörende Dissonanzen: Father John Mistys Bossa-Nova-Lied „Olvidado (otro momento)“

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Als ich vor einigen Wochen auf einem gut begründeten Umweg im Autoradio das Lied Olvidado (otro momento) hörte, dachte ich mir, dass es auch dieses Lied in diesen Blog schaffen muss. Sowohl die Melodie als die (leicht) dissonanten Harmonien betören mich. Joshua Tillman alias Father John Misty kreiert einen Bossa Nova-Sound, der auf dem Album Chloë and the Next 20th Century mit einigen anderen Stilrichtungen kombiniert wird. Ich bin mir recht sicher, dass viele Freunde der sogenannten Indie-Musik Father John Misty einen Hochkaräter nennen würden. Man wird als Hörer in mancher Hinsicht herausgefordert. Am liebsten wäre mir deswegen, ich würde jede einzelne Harmonie, jedes Wort und jeden Melodieton dieses Liedes auswendig können.

Es ist müßig, den zweisprachigen Text (englisch-spanisch) lange zu besprechen. Es geht, wie so oft, um ein intensiv wahrgenommenes Abschiednehmen. Eine große Geschichte wird hierbei nicht erzählt, vielmehr sind es Versatzstücke:

You’re listening so intently
As on and on I go
My flight’s leaving at 7 AM
La noche casi se ha ido

Die Nacht ist fast vorbei; der Flug geht um 7 Uhr früh; viel Zeit bleibt nicht mehr zum Erzählen. Jeder kann sich hier eine Begebenheit aus dem eigenen Leben vergegenwärtigen oder diese ausmalen.

Der Refrain, komplett auf Spanisch, bleibt sicher nicht nur mir mit dem langgezogenen O aus Olvidalo (Vergiss es) im Gedächtnis.

Es ist schade, dass es im Internet keinerlei Hinweise auf einen Notentext gibt, doch immerhin hat mir die kostenlose Webseite der Komponier-Software hookpad einige wertvolle Hinweise gegeben. Der folgende Screenshot des „Outros“, also des Schlussteils zeigt, wie man Akkorde und die Melodie ohne klassisches Notenblatt visualisieren und zugleich auch verwirren kann. Denn was im Internet notiert ist, sollte man stets kritisch prüfen (statt „fes-moll“ ist es üblich, E-moll zu schreiben):

Hookpad: Olvidalo
Ungewöhnliche Notation einiger Takte im Schlussteil von Olvidado (otro momento) von Father John Misty

Man sieht schön die Wechsel von Moll in Dur und zurück, so dass zusammen mit drei lang gehaltenen, vom h zum es aufsteigenden Melodientönen (h, c, d, es) ein betörender Klang entsteht, der durch eine Sexte (Es-Dur-Akkord mit einem c), eine None (C-Moll-Akkord mit einem d) und eine Tredezime (Des-Dur-Akkord mit einem b) noch erweitert wird. Quasi eine gesungene Signatur des Stücks, gerade auch weil das Verb to sign in der Negation im Lied vorgekommt („I can’t use my hands to sign“), was auch ein Hinweis darauf ist, dass der Song-Text fragmentarisch bleibt: „All I want to say is words have failed me many times before“ ist die vorletzte Zeile des Stücks. Das Vergessen ist also doppeldeutig zu sehen: Das Festhalten eines Zustands bzw. an einem Zustand ist auch deswegen nicht möglich, weil die (sprachlichen) Mittel fehlen. Insofern könnte man „Vergiss es“ auch mit dem Aspekt der Selbstvergessenheit verbinden, der hier als mentaler Zustand aufscheint: Das Betörende des Songs liegt schließlich im Verfließen der Sprache und damit auch der Personen, um die es geht. Gefühle und Gedanken können nicht klar gezeichnet werden; man verliert die Kontrolle über das Ich, was wiederum neue Erkenntnisse ans Tageslicht befördern könnte.

„Leichtfüßig und im Albumkontext etwas abstrakt“ wird das Stück in einer Albumrezension genannt. Auch deswegen lohnt es sich, das ganze Album anzuhören.

Das Lied lässt sich hier anhören; der Songtext ist hier nachzulesen. Ein interessanter Süddeutsche-Zeitung-Artikel zum Interpreten folgt hier (mit dem bemerkenswerten Begriff „Poptimismus“.)

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